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ESC-Sängerin ist "von der Propaganda missbraucht worden"

25 Mai, 16:04

 

ESC-Sängerin ist "von der Propaganda missbraucht worden"

In Kiew findet heute das Finale des Eurovision Song Contest statt. Die Sängerin Jamala hat mit ihrem Sieg im vergangenen Jahr den Wettbewerb in die ukrainische Hauptstadt geholt. Sie wird ihr Lied "1944", das für heftige Diskussionen gesorgt hat, in einer neuen Version vorstellen. Streit gibt es aber auch diesmal wieder, jetzt, weil die Ukraine der russischen Teilnehmerin die Einreise verweigert und Russland dem Wettbewerb fernbleibt. Sabine Adler hat den Botschafter der Ukraine in Deutschland Andrij Melnyk dazu befragt.

Sabine Adler: Nicht anreisen wird Julia Samoilowa aus Russland. Man wusste, dass sie mit dem Besuch auf der Krim gegen ukrainisches Gesetz verstoßen hat. Russland hat Frau Samoilowa dennoch nominiert für diesen Wettbewerb. Das war eine so gezielte Provokation, dass man sich fragt, warum ist Kiew auf diese Provokation eingegangen, warum hat sich Kiew dann tatsächlich provozieren lassen.

Andrij Melnyk: Wir finden sehr schade, dass Russland in Kiew nicht vertreten wird. Im Moment sieht es so aus, dass dieses Fest, die Musik ihnen buchstäblich weggenommen, also geraubt wurde. Für die Ukraine war das keine leichte Entscheidung. Es tut uns leid, dass diese arme Frau zum Instrument der Politik geworden ist und eigentlich missbraucht wurde von der Propaganda. Und ein weiteres Beispiel: Am 9. Mai, am sogenannten Tag des Sieges, wurde sie wieder vom Kreml auf die Krim geschickt, ist in Sewastopol aufgetreten.

"Es geht auf keinen Fall um Abnabelung, das entspricht nicht unserer Politik"

Adler: Frau Samoilowa, die Sängerin, Julia Samoilowa, sitzt im Rollstuhl, von Kindesbeinen an. Es hätte ja auch wie eine humanitäre Geste aussehen können, sie einreisen zu lassen, und die Ukraine hätte dann sozusagen als Sieger dagestanden.

Melnyk: Es gab viele Stimmen, die auch dafür plädiert haben, allerdings war wahrscheinlich am Ende das Gefühl vorhanden, dass man schlimmeres Übel verhindern könnte, indem man eben auch zugelassen hätte, dass vielleicht neue weitere Provokationen dann gefolgt sind in Kiew, und dann wäre das tatsächlich eine reine Katastrophe.

Adler: Man hat den Eindruck, wenn man in den Osten der Ukraine schaut, dass dort die Lage eigentlich immer schlimmer wird. Es finden neben den militärischen Kämpfen jetzt wirtschaftliche Auseinandersetzungen statt, die man eigentlich schon fast als Wirtschaftskrieg bezeichnen kann. Auf ukrainischer Seite wurde reagiert: Man hat den Strom abgestellt, man hat das Wasser sehr stark verknappt, man hat angekündigt, so Mitte Juli, 14.000 Eisenbahner der staatlichen ukrainischen Eisenbahn zu entlassen. Auf der Seite der Separatisten der sogenannten Volksrepubliken sind private ukrainische Unternehmen quasi konfisziert worden, angeblich nationalisiert worden. Das Ganze wird derartig auf dem Rücken der Menschen ausgetragen, dass man sich fragt, was macht Kiew da eigentlich mit den eigenen Bürgern.

Melnyk: In der Tat ist das auch eine sehr, sehr schwierige Lage, vor allem für die Menschen. Wir hoffen, dass diese Entscheidung rückgängig gemacht werden kann. Die Gespräche darüber laufen, auch Deutschland, auch die Kanzlerin ist da persönlich involviert.

Adler: Nun hat die Ukraine von sich aus ja reagiert, indem sie den Strom abgestellt hat, indem sie dem Druck der freiwilligen Kämpfer auf ukrainischer Seite nachgegeben hat, die das immer wieder gefordert haben. Das heißt also, Kiew hat ja sehr wohl auch selbst Schritte unternommen für diese Abnabelung.

Melnyk: Es geht auf keinen Fall um eine Abnabelung, das entspricht nicht unserer Politik, aber wir sind realistisch. Wir sehen, dass der Kreml womöglich die Entscheidung getroffen hat, die beiden Gebiete Luhansk und Donezk doch noch enger an sich zu knüpfen. Wir wissen, dass im Moment Vorbereitungen getroffen werden, damit dort ein neues Referendum organisiert wird mit der Frage über den Anschluss an Russland – auch das wissen wir. Und deswegen sind wir da fast wie in einer Zwickmühle.

Adler: In dieser Woche haben sich der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin und der russische Außenminister Sergej Lawrow quasi die Klinke in die Hand gegeben in Washington bei ihrem Treffen mit US-Präsident Donald Trump. Kann sich Kiew der Unterstützung des neuen amerikanischen Präsidenten eigentlich sicher sein?

Melnyk: Wir müssen über die Tatsachen reden. Was wir im Moment in der Hand haben, sind zwei Telefonate der beiden Präsidenten – Poroschenko und Trump. Wir haben auch eine Reihe von weiteren Meetings – Vice-President Pence mit Außenminister Tillerson –, die Anzeichen stehen im Moment nicht schlecht. Vieles wird auch davon abhängen, wie das Verhältnis zwischen den USA und Russland sich gestalten wird.

"Wenn das Völkerrecht gebrochen wird, darf man nicht tatenlos zusehen"

Adler: Schauen Sie auf den Konflikt, den Donald Trump jetzt in dieser Abhöraffäre hat - ob es Kontakte während des Wahlkampfes zur russischen Seite gegeben hat -, schauen Sie diesem Konflikt Russland/USA, der da entstanden ist, jetzt als lachender Dritter zu?

Melnyk: Wir glauben, dass die Grundlagen der amerikanischen Demokratie derart gefestigt sind, dass man imstande ist, auch diese sehr, sehr großen Herausforderungen zu meistern. Für uns ist es eben wichtig, dafür Sorge zu tragen, dass das Verständnis, dass wenn das Völkerrecht gebrochen wird, dass man dann nicht tatenlos zusehen darf. Und wir haben zunehmend das Gefühl, dass die neue US-Administration auch die Dinge jetzt so sieht, wie die westlichen Länder in den letzten drei Jahren das getan haben. Das Gefühl haben wir auf jeden Fall schon heute, dass die Amerikaner Signale aussenden. Sie wollen sich viel, viel aktiver einbringen in diese schwierigen diplomatischen Verhandlungen mit Russland, damit der Frieden endlich einkehren wird.

Quelle:  |  Deutschlandfunk Autor: Botschafter der Ukraine Dr. Andrij Melnyk

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