Botschaft der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland

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Ukraine boykottiert russische Gedenkfeier in Berlin

16 Juni 2016, 12:38
SPIEGEL ONLINE

15. Juni 2016, 16:26 Uhr

Zweiter Weltkrieg

Ukraine boykottiert russische Gedenkfeier in Berlin

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Ärger zum 75. Jahrestag: In Berlin will die russische Botschaft an den deutschen Überfall auf die UdSSR erinnern. Massive Kritik kommt von der Ukraine - und auch bundespolitische Prominenz macht sich rar.

Es war einer der größten Aufmärsche der Militärgeschichte. In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 überfielen 3,3 Millionen deutsche Soldaten und weitere Hunderttausende verbündete Finnen, Rumänen, Slowaken und Ungarn die Sowjetunion.

Erst vier Jahre später, im Mai 1945, sollte der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands in Europa beendet sein. Der Historiker Götz Aly fasste kürzlich das Ziel der damaligen deutschen Politik so zusammen:

Diesen Feldzug führte die Wehrmacht vom ersten Tag an mit den Mitteln barbarischen Terrors gegen die Zivilbevölkerung; deutsche Offiziere ermahnten ihre Soldaten ausdrücklich, das Kriegsvölkerrecht nicht zu beachten. Deutsche verwüsteten das Land, plünderten es hemmungslos aus, wollten die Bevölkerung um 30 bis 50 Millionen Menschen reduzieren.

Am Ende, so historische Schätzungen, kamen rund 27 Millionen Bürger aus dem Vielvölkerstaat Sowjetunion um, darunter neun Millionen Soldaten.

"Aggression gegen meine Heimat"

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis in der Bundesrepublik angemessen des 22. Juni gedacht wurde. In diesem Jahr jährt sich der Überfall nun zum 75. Mal, auch in Berlin soll natürlich daran erinnert werden. Doch im Gegensatz zu 2015, als in Deutschland des 70. Jahrestags des Kriegsendes im Mai 1945 mit einer Vielzahl von Ausstellungen und Reden gedacht wurde, fallen die Feierlichkeiten diesmal übersichtlicher aus.

Und sie werden von der aktuellen politischen Lage in Osteuropa überschattet.

So kritisiert der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, mit scharfen Worten eine Gedenkveranstaltung, die Russland im Berliner Dom abhalten wird: Er könne sich nicht vorstellen, "die Einladung des Vertreters eines Landes anzunehmen, das seit über zwei Jahren eine Aggression gegen meine Heimat verübt".

Das sei "Heuchelei pur, den Krieg gegen den Nachbarn auf perfide Weise voranzutreiben und gleichzeitig sich als Opfer zu stilisieren und an die historische Verantwortung der Deutschen zu appellieren", so Melnyk zu SPIEGEL ONLINE mit Blick auf den Konflikt in der Ostukraine.

Was macht die deutsche Seite? Bundespräsident Joachim Gauck, der im Mai 2015 mit einer bewegenden Rede des Leids der mehr als fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern gedachte, wird diesmal nicht reden. Das Staatsoberhaupt ist auf einer Reise in Südosteuropa, will sich aber anderweitig zum 22. Juni äußern, heißt es aus dem Präsidialamt. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wiederum werde "voraussichtlich am 22. Juni nachmittags im Deutschen Historischen Museum sprechen", teilt sein Sprecher mit.

Eine Reihe weiterer, kleinerer Veranstaltungen gibt es von deutscher Seite an diesem Sommertag: Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur, wird am Potsdamer Platz eine Open-Air-Ausstellung der "Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum" eröffnen; der frühere SPD-Bundesminister Erhard Eppler soll am Abend am Sowjetischen Ehrenmal nahe des Brandenburger Tores eine Rede halten. Der Organisator - der Verein "Kontakte-Kontakty" - erhielt dafür 10.000Euro vom Auswärtigen Amt.

An der Veranstaltung der russischen Botschaft im Berliner Dom wird als ranghöchster deutscher Vertreter Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) teilnehmen, der Präsident des Bundesrats. Tillich werde neben dem russischen Botschafter Wladimir Grinin als Redner auftreten, bestätigte ein Sprecher des Bundesrats.

Doch neben der Ukraine werden laut russischer Botschaft auch Vertreter weiterer früherer Sowjetrepubliken fehlen - Georgien, Lettland, Litauen und Estland. Darum machen die fünf Länder nicht mit:

  • Die baltischen Staaten fühlen sich (nach den Polen) als erste Opfer des Zweiten Weltkriegs. Im August 1939 waren Estland, Lettland und Litauen von Hitler und Stalin der Interessensphäre der Sowjetunion zugeschlagen worden. Wenige Monate, nachdem das Deutsche Reich am 1. September 1939 Polen überfallen und sich den Staat mit der UdSSR aufgeteilt hatte, marschierten sowjetische Truppen in die baltischen Länder ein. Sie sollten erst nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wieder unabhängig werden, als Nato-Mitglieder gehören sie heute zu entschiedenen Kritikern der russischen Politik.
  • Georgien wiederum lieferte sich im Sommer 2008 einen fünftägigen Krieg mit Russland, das Land im Südkaukasus strebt seitdem in die Nato.
  • Nicht erst seit dem Krieg mit russischen Separatisten im Osten des Landes findet in der Ukraine eine Neubewertung der eigenen Geschichte statt. Ukrainische Nationalisten, die Anfang der Dreißiger- bis in die Fünfzigerjahre für die Unabhängigkeit kämpften, werden bis heute in Russland als Helfer der "Faschisten" bezeichnet. In der Ukraine dagegen werden Vertreter wie der umstrittene und zeitweise mit den Deutschen kollaborierende nationalistische Partisan Stepan Bandera heute verehrt.

Der ukrainische Botschafter Melnyk spart nicht mit Kritik an der russischen Gedenkveranstaltung im Berliner Dom: Sie sei ein "Trick", mit dem die russische Seite die Aufmerksamkeit von ihren "verbrecherischen Handlungen auf der Krim und in der Ostukraine ablenken" und "das Mit- und Schuldgefühl der deutschen Öffentlichkeit" ausspielen wolle, um die EU-Sanktionen loszuwerden.

Auch werde die Ukraine "das sich einverleibte Monopolrecht der Russen auf den Sieg im Zweiten Weltkrieg und die zu Unrecht beanspruchte alleinige Opferrolle des Angriffs von Nazideutschland nie anerkennen". Die Ukrainer, so Melnyk, "überdenken ihre eigene Geschichte, die bis zuletzt in Moskau für uns geschrieben wurde".

Am 22. Juni wollen auch die Ukrainer der Opfer in Berlin gedenken. Doch dies, so der Botschafter, "ohne dabei der russischen Propaganda in die Hand zu spielen". Man werde "eigene Akzente" zur Erinnerungskultur setzen.

Quelle:  |  Spiegel ONLINE Autor: Botschafter der Ukraine Dr.Andrij Melnyk

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