Botschaft der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland

Kyiv 04:13

Holodomor in der Ukraine in den Jahren 1932-1933

Holodomor in der Ukraine in den Jahren 1932-1933 als Genozid an der Ukrainischen Nation

Holodomor - Genozid an der ukrainischen Nation, der von der sowjetischen Führung mit Joseph Stalin an der Spitze mittels künstlich organisierter Massenhungersnot zwecks Vernichtung der Ukrainer, endgültiger Auslöschung des ukrainischen Widerstandes gegen das Regime und des Strebens der Ukrainer nach Aufbau eines selbständigen, von Moskau unabhängigen Ukrainischen Staates verübt wurde.

Völkerrechtliche Definition von Genozid

Die Definition von Genozid oder Völkermord im Völkerrecht wurde im Artikel 2 des Übereinkommens über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes vom Jahr 1948 gegeben. Der Begriff Genozid wurde vom Rechtswissenschaftler jüdischer Herkunft Raphael Lemkin eingeführt. Er war der erste Völkerrechtler, der die Verbrechen des kommunistischen Stalin-Regimes gegen die Ukrainer als Genozid definierte und den Genozid in der Ukraine im Kontext des Völkerrechts analysierte.

Genozid oder Völkermord wird als eine der folgenden Handlungen definiert, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

- Tötung von Mitgliedern der Gruppe;

- Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;

- Vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;

- Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind;

- gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.

Herkunft des Begriffes „Holodomor“

Das slawischsprachige Doppel-Substantiv „Holodomor“ setzt sich aus zwei Wurzeln „holod“ und „mor“ zusammen, bedeutet „Massenmord durch Hunger, Leiden unter Hunger, Verhungern“ und wird von den Ukrainern als Bezeichnung für die Nationale Katastrophe von 1932-1933 verwendet. Zum ersten Mal wurde der Begriff „Holodomor“ am 17. August 1933 in der tschechischen Zeitschrift «Večernı́k P.L.» erwähnt, die einen Artikel unter dem Titel «Hladomor v SSSR» veröffentlichte.

Holodomor: Ursachen und Mechanismen

Der Holodomor 1932-1933 war kein zufälliges Ereignis natürlicher oder sozialer Herkunft, das durch Wetterkatastrophen bzw. Missernten o.ä. verursacht würde, wie es zuerst die sowjetischen und danach die pro-russischen Historiker behaupteten. Der „Tod durch Hunger“ war die Folge des von der totalitären Regierung angewandten Hungerterrors, sprich Genozid. Er wurde zu einer Bestrafung der Ukrainer für ihren Widerstand gegen die Kollektivierung von Landwirtschaft und für ihre Ablehnung der russischen Herrschaft. Diese Bestrafung wurde durch Vernichtung der ukrainischen Kultur, Sprache und Traditionen vollzogen. Durch die absichtlich geschaffene Hungersnot versuchte die Sowjetmacht das sogenannte „ukrainische Problem“ nach Stalins Erlass zu lösen.

Laut Historikern war die ukrainische Bauernschaft am Anfang der 1930er Jahre das Hauptzentrum des Widerstands gegen die bolschewistische Politik von Zwangskollektivierung und forcierter Industrialisierung. In der Ukraine fanden über 4 Tausend Massenproteste mit ca. 1,2 Millionen Beteiligten statt. Aus Kolchosen waren 41 200 Bauernhöfe ausgetreten. Ungefähr 500 Dorfräte weigerten sich, unrealistische Pläne für Getreideerfassung zu akzeptieren.

Stalin hatte Angst, die Ukraine als eine Ressource zu verlieren, ohne die der Aufbau eines mächtigen industriellen Imperiums, das die Welt zu erobern vermöchte, nur ein Traum geblieben wäre.

Um die Ukraine nicht zu verlieren, erarbeitete das sowjetische Regime einen Plan für Vernichtung eines Teils der Ukrainischen Nation, der unter dem Plan für Getreideabgabe an den Staat verhüllt war. Es ging um eine gänzliche Einziehung aller Getreidevorräte, dann um eine Beschlagnahme von anderen Lebensmittel und Vermögen als Strafe für die Nichterfüllung des Abgabeplans. Nachdem das Regime die Ukraine in ein Territorium von Massenhungersnot verwandelte, sperrte es sämtliche Rettungswege. Die Hungernden wurden isoliert.

Zu diesem Zweck wurde das System von „schwarzen Tafeln“ eingeführt und die Ausreise der Hungernden aus der Ukraine verboten. Die auf „schwarze Tafeln“ eingetragenen Dörfer und Kolchosen wurden von Truppen der Miliz und der sowjetischen Sicherheitsdienste umzingelt. Alle Lebensmittelvorräte wurden von dort ausgefahren. Jederart Handel und Wareneinfuhr wurden verboten. 22,4 Millionen Menschen wurden in Grenzen des Holodomor-Gebiets eingekesselt.

Ein weiterer Bestandteil des Genozids war die gezielte Blockierung von Informationen über die Hungersnot. Im Januar 1933 veröffentlichte die sowjetische Regierung eine Erklärung, dass es keinen Hunger im Land gebe. Das Stalin-Regime lehnte die Hilfe aus dem Ausland ab.  

 

Die Folgen des Holodomor

Der Holodomor umfasste den Zeitraum vom April 1932 bis November 1933. Innerhalb von diesen 17 Monaten wurden über 7 Millionen Menschen in der Ukraine getötet sowie 3 Millionen Ukrainer in den Gebieten außerhalb der Ukraine, die historisch von den Ukrainern bevölkert waren – Kuban, der Nordkaukasus, die Untere Wolgaregion und Kasachstan. Der Höhepunkt des Holodomor fiel auf den Frühling 1933. Jede Minute starben in der Ukraine 17 Menschen, jede Stunde – 1400 Menschen und jeden Tag - über 30.000. Die Frage der Anzahl der Holodomor-Opfer bleibt noch bis heute offen.

Die tatsächlichen Zahlen der Verstorbenen wurden verschwiegen, was sich mit einer Anordnung der Sowjetregierung bestätigt, laut der die Todesfälle bei Kindern im Alter unter einem Jahr nicht registriert werden sollten. Die Ukrainer im Alter von 6 Monaten bis zu 17 Jahren stellten etwa die Hälfte aller Holodomor-Opfer dar. Daher betrug die durchschnittliche Lebensdauer der Ukrainer im Jahr 1933 7,3 Jahre bei Männern und 10,9 Jahre bei Frauen. Zuvor waren solche Werte in der ganzen Geschichte der Menschheit nie festgestellt worden.

Von seiner antiukrainischen Ausrichtung und seinem Ausmaß her erwies sich der Holodomor 1932-1933 in der Ukraine als die grausamste Waffe für Massenvernichtung und soziale Versklavung der ukrainischen Bevölkerung, die vom totalitären kommunistischen Regime eingesetzt wurde.

All dies lässt schließen, dass der Holodomor in der Ukraine zu einer sozialen und humanitären Katastrophe auf globaler Ebene wurde.

Das Genozid-Verbrechen Holodomor hatte neben der physischen Tötung von Millionen von Menschen auch die Zerstörung der traditionellen ukrainischen Lebensweise zur Folge. Der Hunger wurde zu einer Waffe für biologische Vernichtung der Ukrainer, veränderte den Genpool des Volkes auf Jahrzehnte hinaus und führte zu moralisch-psychologischen Veränderungen im kollektiven Bewusstsein der Ukrainer. Die traditionellen Kultur und Volksbräuche erlitten eine Verformung. Der Holodomor veränderte vollkommen die gewohnte Wirtschaftsordnung auf dem Lande. Für viele Jahrzehnte wurden die ukrainischen Bauern zu entrechteten Kolchosarbeiter gemacht, ohne Personalausweis und Rente.

Zu psychologischen Folgen des Holodomor wurden Schuld- und Schamgefühle. Die Menschen fühlten sich dafür schuldig, dass sie ihre Familien und Verwandten nicht hatten retten können und schämten sich für ihre unmoralischen Taten, die sie begangen hatten, um selber zu überleben.

Mit der Lockerung der kommunistischen Kontrolle über das gesellschaftliche Leben in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre stellt sich die Erinnerung an den Holodomor wieder her. Seit 1993 werden die unschuldigen Opfer des Holodomor in der Ukraine auch auf Staatsebene gewürdigt. Im November 2008 wurde in Kyjiw die Nationale Gedenkstätte für die Opfer des Holodomor errichtet. Insgesamt wurden in der Ukraine über 7.100 den Opfern des Holodomor gewidmete Mahnmäler, Denkmäler und Gedenkzeichen errichtet.

Gedenken an die Opfer des Holodomor

Die Erinnerung an den Holodomor ist zu einem unabdingbaren Bestandteil des nationalen Gedächtnisses des ukrainischen Volkes geworden. Jedes Jahr am vierten Samstag im November zünden die Ukrainer Kerzen an - als Symbol des Gedenkens an diejenigen, die durch Hunger getötet wurden.

In über 40 Städten der 15 Länder der Welt wurden die Denkmäler oder andere Gedenkzeichen zur Würdigung der Holodomor-Opfer errichtet.

Bedeutung der internationalen Anerkennung des Holodomor als Genozid

Für die Ukrainer gilt die internationale Anerkennung des Holodomors als Bezeugung von Herstellung historischer Gerechtigkeit bei der Bewertung des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, das am ukrainischen Volk begangen wurde, und als Demonstration von Verurteilung der Taten des totalitären Regimes, das Millionen von Menschen in der Ukraine vernichtet und den nationalen Geist des Ukrainertums untergraben hat.

Internationale Anerkennung des Holodomor als Genozid

1985-1988 erforschte die Kommission des US-Kongresses den Hunger in der Ukraine. In ihren Schlussfolgerungen betonte sie, dass „Joseph Stalin und seine Gefolge 1932-1933 einen Genozid am ukrainischen Volk verübt haben“. Die Schlussfolgerungen der Kommission eröffneten den Weg zur internationalen Anerkennung des Holodomor als Genozid. In den darauffolgenden Jahren verurteilten die Parlamente von Estland, Australien, Kanada, Ungarn, Litauen, Georgien, Polen, Peru, Paraguay, Ecuador, Kolumbien, Mexiko, Lettland und Portugal in ihren Akten den Holodomor als Genozidverbrechen. Außerdem wurden in einer Reihe der Länder der Welt auch auf Regional- bzw. Gemeindeebene Beschlüsse über die Verurteilung des Holodomor als Genozid-Verbrechen verabschiedet.

Ein wichtiger Bestandteil der Anerkennung des Holodomor in der Ukraine 1932-1933 als Genozid am ukrainischen Volk auf internationaler Ebene ist dessen Anerkennung im Rahmen der internationalen Organisationen wie Europarat, Europaparlament, Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, UN-Menschenrechtsrat, UNO usw.

Petition an den Bundestag und Deutschlands Anerkennung des Holodomor als Genozid

Am 30. April 2019 wurde auf Initiative der ukrainischen Aktivisten die Petition an den Deutschen Bundestag mit dem Aufruf zur Anerkennung des Holodomor als Genozid am ukrainischen Volke auf der Webseite des deutschen Parlaments veröffentlicht. Bis zum 27. Mai 2019 wurde die Petition von mehr als 80.000 Personen bei notwendigen 50.000 unterzeichnet. Jetzt befindet sich die Petition in der Prüfung beim Petitionsausschuss des Bundestages. Von seiner Entscheidung hängt es ab, ob sie auf die Tagesordnung der Bundestagssitzung zwecks Anerkennung gesetzt wird.