Neuer ukrainischer Botschafter besuchte Thüringen und warb um AufbauhilfeErfurt. Antrittsbesuche von Botschaftern in den Bundesländern gehören zum diplomatischen Protokoll. In der Regel werden dabei freundliche Sätze ausgetauscht, gern ein positiver Bestand der Verbindungen konstatiert und der gegenseitige Wille zu ihrem Ausbau versichert.
Am Montag nun war Andrij Melnyk in Erfurt, seit Jahresbeginn der neue Botschafter derUkraine. Einem Land im Krieg, so waren die Gespräche naturgemäß weniger leichtfüßig, als es sonst ein solcher Anlass hergibt.
Leider sei es die Kriegsdiplomatie, so der 39-Jährige, der als Vertrauter von Ministerpräsident Jazenjuk gilt, die derzeit seine Tagesordnung bestimmt. Dem neuen Mann in Berlin, so wurde in der ukrainischen Presse bei dessen Ernennung geschrieben, werde auch die Aufgabe zukommen, die deutschen Investoren zu beruhigen und ihnen klarzumachen, dass der Krieg nicht die gesamte Ukraine umfasse und dass Investitionen im Land willkommen seien. Kein leichtes Unterfangen, und so kamen Worte wie "Hoffnung", "Optimismus" und ansonsten viel Konjunktiv häufig vor bei der Gesprächsrunde des Botschafters in der Industrie-und Handelskammer. Denn die Bestandsaufnahme der Wirtschaftsbeziehungen, die Thüringens IHK-Chef Gerald Grusser zu konstatieren hatte, fiel erwartungsgemäß ernüchternd aus. Seit Beginn der ukrainischen Krise seien die wirtschaftlichen Kontakte kontinuierlich zurückgegangen. Im vergangenen Jahr betrug das Exportvolumen Thüringer Unternehmen in die Ukraine gerade einmal 51 Millionen Euro. Kein Rückgang, sondern ein veritabler Einbruch um mehr als ein Drittel. Dabei, mit 187 Thüringer Unternehmen, die stabile Handelsbeziehungen in die Ukraine pflegen, gibt es ein Fundament. Und ja, man sei optimistisch mit Blick auf das Freihandelsabkommen und mit Blick auf den in Minskvereinbarten Friedensprozess. IHK-Chef Grusser verwies gleichzeitig auf die Sicherheit für Investoren, die gegeben sein müsse, und traf damit wohl einen schwierigen Punkt. Auch der Botschafter bemühte sich um Optimismus, als er von den vorsichtigen Hoffnungen sprach, Minsk II komme langsam auf den Weg. Auch wenn man im Osten von einer ukrainischen Kontrolle der Grenze noch weit entfernt sei. Waffenlieferungen zur Verteidigung seien leider offensichtlich ein Tabu, aber er könne das nachvollziehen. Doch man bitte, dem Land wirtschaftlich mehr unter die Arme zu greifen.
Ausbildung von JugendlichenUm dem vorsichtigen Optimismus etwas Nahrung zu geben, erzählten am runden IHK-Tisch Wirtschaftsvertreter von Projekten, wie der geplanten Ausbildung von 13 Jugendlichen im Hotel- und Gaststättenbereich. Im Mai sollen die Ausbildungsverträge unterschrieben werden.Das Vorhaben ist in Lemberg angesiedelt, das dürfte den Botschafter besonders freuen, er stammt aus der westukrainischen Stadt. Doch im Eigentlichen geht es natürlich um die Zukunft des gesamten Landes und seine Integration in Europa. Kein Land, so Botschafter Melnyk, habe für dieses Ziel einen so hohen Preis bezahlt. Und tut es immer noch. Denn noch immer sterben täglich Menschen in diesem Krieg. Der Wiederaufbau werde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Und nicht nur der Wiederaufbau. Es geht auch um neue Strukturen, die derzeit in allen Bereichen geschaffen werden müssen. Die Ukraine ist ein Land im Krieg. Und will aber auch ein Land im Aufbruch sein. Man sei, so Botschafter Melnyk, froh über jedes Signal, das zur Unterstützung kommt. Auch aus Thüringen - und das ist wohl die wichtigste Botschaft des Botschafters.
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