„Wir brauchen Vertrauen“
Botschafter Dr. Andrij Melnyk über Geschäftschancen in der Ukraine
Dr. Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Berlin, wirbt im Rahmen einer bundesweiten
Roadshow um deutsche Unternehmen und Investoren. Am 8. Juni ist er aus Berlin für den
IHK-Wirtschaftstag Ukraine – Bayern nach München gekommen. Nach seinem Vortrag
erklärte er im Interview mit „Wirtschaft Aktuell“, weshalb sein Land mit Bayern besser ins
Geschäft kommen will – und was Bayerns Unternehmen in der Ukraine erwartet.
Was versprechen Sie sich von der IHK-Veranstaltung heute?
Viele wichtige Kontakte, noch mehr Transparenz. Bayern ist für uns besonders interessant.
Ein Riese. Bayern sorgt bislang auch für die meisten deutschen Investitionen bei uns.
Wie kann Bayerns Wirtschaft Ihren Reformkurs unterstützen?
Wir brauchen Vertrauen. Wir müssen Vertrauen aufbauen und stärken. Es ist gut, dass wir
hier heute bayerische Unternehmen auf der Veranstaltung haben, die berichten, wie das
Geschäft bei uns geht. Vertrauen schafft auch, offen zu sagen, was in der Ukraine schlecht
läuft – und was verbessert werden muss.
Welche Branchen bieten sich für die Zusammenarbeit an?
Die Autozuliefererbranche ist ein Flaggschiff, das wollen wir ausbauen. Deutschland wird ein
Autoland bleiben. Ich sehe aber auch gute Anknüpfungspunkte im verarbeitenden Gewerbe.
Wir sind stark in Agrarindustrie und Ernährungswirtschaft. Sehr an Gewicht gewonnen hat
unsere IT-Branche. Wir haben in der Ukraine viele kreative Menschen mit guter technischer
Ausbildung.
Eine Hürde bleibt die Sicherheitslage …
Ja, die Angst vor Krieg und politischer Instabilität ist immer noch da. Es wäre falsch, das zu
leugnen. Aber auch da arbeiten wir an Lösungen. Vor allem dank Deutschland. Berlin
engagiert sich stark für unsere politische Existenz und für deutsche Firmen, die bei uns
investieren. Kanzlerin Merkel hat im vergangenen Jahr 34 Telefonate mit unserem
Präsidenten geführt. Dieser intensive Kontakt gibt auch der Wirtschaft Sicherheit. Ich halte
das für ein wichtiges politisches Signal: Wer bei uns investiert, ist nicht allein.
Bekennt sich Ihr Land zur unternehmerischen Freiheit?
Auf alle Fälle. Unser neuer Regierungschef macht in zwei Wochen in Berlin seinen
Antrittsbesuch. Er wird der deutschen Öffentlichkeit und der Wirtschaft aufzeigen, wo unsere
politischen Prioritäten in den kommenden Jahren liegen. Klar ist: Wir werden unseren
Reformweg fortsetzen. Auch wenn viele Menschen in unserem Land dafür leiden müssen.
Leider gibt es dazu keine Alternative.
Bedeutet das auch: Abbau von Handelsschranken?
Wir haben uns für die deutsche Wirtschaft längst geöffnet. Die wenigen Hürden, die es noch
gab, sind mit dem EU-Assoziierungsabkommen und dem WTO-Beitritt aus dem Weg
geräumt. Faktisch können Ihre Unternehmen bei uns genauso frei Geschäfte machen wie in
einem EU-Land. Wir haben Grenzkontrollen, aber es gibt null Probleme bei der Ein- und
Ausfuhr.
Unternehmer loben das gute Fachkräfteangebot Ihres Landes. Wie wollen Sie dieses
Niveau halten?
Wir stehen auf einer guten Basis, die wir weiterentwickeln müssen. Unser Schulsystem habe
ich häufig kritisiert. Das ist noch zu sowjetisch geprägt mit Betonung auf Disziplin und
Pauken. Alles auf Kosten der Kreativität. Da müssen wir eine neue Balance finden. Zudem
sehe ich ähnliche Probleme wie in Deutschland: Wir haben mehr als 700 Hochschulen. Viele
streben einen Hochschulabschluss an und haben danach geringe Berufschancen. Das
müssen wir ändern. Wir wollen die duale Ausbildung einführen und unser Schulsystem
danach ausrichten.
Wie ernst nehmen Sie Klagen der Unternehmen über zu viel Bürokratie in Ihrem
Land?
Das hat Top-Priorität. Deregulierung ist das große Schlagwort. Und wir haben Erfolge. Im
Standortvergleich Doing Business der Weltbank haben wir uns in den vergangenen beiden
Jahren um 30 Plätze verbessert. Heute liegen wir auf dem 83. Rang. Spätestens 2017
wollen wir einen Platz unter den Top-50 erreichen. Der Prozess wird drei bis fünf Jahre
dauern. Dann wird jeder die Erfolge spüren. Ein Vorbild ist Georgien. Georgien hat es mit
einem radikalen Reformkurs geschafft, drastische Verbesserungen für die Wirtschaft zu
erzielen. Da liegen wir noch zurück.
Wie lange hält Ihre Wirtschaft die Kreditklemme noch durch?
Das muss sich ändern. Wir leben in einem Ausnahmezustand. Sie bekommen fast keinen
Kredit mit einem Zinssatz von unter 30 Prozent. Ein weiteres Problem sind
Devisenbeschränkungen. Unsere Nationalbank und unsere Regierung arbeiten an
Lösungen. Auch hier ist Deutschland eine wichtige Stütze: KfW ist mit Krediten präsent,
auch Hermes-Deckungen für deutsche Exporte sind möglich. Allerdings wird jeder Einzelfall
geprüft. Ganz wichtig für uns ist die Landwirtschaft. Da müssen wir ebenfalls zu einer
gesicherten Finanzierung kommen.
Schauen Sie Fußball-EM?
(lacht) Ja, natürlich. Das Spiel gegen Deutschland werde ich mit gemischten Gefühlen
verfolgen. Ich drücke beiden Teams die Daumen. Ich wünsche mir, dass beide Teams
weiterkommen und sich dann im Finale wiedersehen. Die Chancen dafür sind gering – aber
warum sollten sich Träume nicht erfüllen?
Foto: IHK/Huber Ansprechpartner: Melas