Dieser Kriminalfall ist einmalig in der Geschichte (versuchter) politischer Morde.
Am Dienstagabend gaben ukrainische Behörden den Tod des Journalisten Arkadi Babtschenko bekannt, der 2017 aus Angst um sein Leben Russland verlassen hatte. 20 Stunden später trat der Journalist in Kiew vor die Kameras, entschuldigte sich bei Frau und Freunden für die Vortäuschung seiner Ermordung und erklärte die Notwendigkeit des filmreifen Geheimdienst-Stunts.
Nun fragt sich die Welt: Warum hat die Ukraine den Tod von Arkadi Babtschenko vorgetäuscht und welche Beweise hat sie für die angebliche Verstrickung Russlands in das Mordkomplott.
Nur wenige Menschen kennen die Antwort. Bis jetzt.
Nach der Wiederauferstehung des Kreml-kritischen Journalisten zweifeln Beobachter am Geheimdienst-Krimi – es gibt offene Fragen
Der in Kiew angeblich erschossene Journalist Arkadi Babtschenko lebt. Der Geheimdienst hat alles inszeniert – war auch der „Killer“ eingeweiht?
In BILD spricht jetzt exklusiv Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko, der in Kiew die Ermittlungen in dem Fall führt.
Die Kritik an den ukrainischen Behörden weist er zurück. Luzenko: „Es waren keine Fake News, sondern eine Spezial-Operation, mit der wir Leben gerettet haben. Das war nach ukrainischem Recht völlig legal. Mir ist es egal, wenn uns jetzt einige kritisieren, solange wir den Mord verhindern konnten.“
Laut Luzenko sei der inszenierte Mord deshalb geplant worden, um mehr über die Hintermänner der Aktion in Erfahrung zu bringen.
„Der Auftraggeber hat ganz eindeutig Kontakte nach Russland, seine Aussagen sind eindeutig.“ Ob es weitere Beweise wie zum Beispiel abgehörte Telefon-Gespräche gibt, die einen Auftragsmord der russischen Geheimdienste belegen, wollte Luzenko nicht sagen.
„Wir sammeln Beweise und werden die in den nächsten Tagen präsentieren.“
Aber warum musste der Tod des Journalisten inszeniert werden? Warum wurde der angebliche Auftragskiller nicht einfach festgenommen?
Luzenko: „Wir hatten Hinweise, dass es eine Liste mit 30 Namen gibt, die von russischer Seite getötet werden sollen. Durch die Spezial-Operation haben wir die Hoffnung gehabt, dass der Auftraggeber nach dem inszenierten Mord weitere Namen nennen würde und wir so mehr Spuren bekommen. Deshalb sollte alles so aussehen, dass unser Mann Babtschenko tatsächlich getötet hat. Als sich aber der Auftraggeber nach Italien absetzen wollte, mussten wir ihn festnehmen.“
Die angebliche Liste mit den Namen derjenigen, die ebenfalls getötet werden sollten, haben die ukrainischen Behörden laut Luzenko mittlerweile ermitteln können. Darunter angeblich ein pro-ukrainischer Aktivist und ein ehemaliger russischer Agent. Sie stehen jetzt unter Polizeischutz. Luzenko: „Wir haben also durch die Spezial-Operation viele Leben retten können.“
Der Generalstaatsanwalt reagiert wütend auf die Kritik, dass die Glaubwürdigkeit der ukrainischen Behörden durch das Vorgehen beschädigt worden ist.
„Ich habe selbst einen Freund verloren, der als Journalist ermordet wurde. Was wollen diejenigen, die uns jetzt kritisieren? Warum sind sie nicht einfach froh darüber, dass wir Babtschenko und noch viele weitere Menschen gerettet haben?“
Luzenko geht sogar noch weiter: „Wir haben genauso, wie viele andere, Großbritannien im Fall Skripal beigestanden. Auch die Ukraine braucht jetzt diese weltweite Solidarität angesichts der russischen Aggression.“
Auch der russische Journalist Arkadi Babtschenko verteidigte die Inszenierung seines Todes durch den ukrainischen Geheimdienst SBU. Die Gefahr eines Anschlags auf ihn sei real gewesen, schrieb er auf Facebook: „Alles war genau so wie gesagt."
Wer ihm vorhalte, die Medien irregeführt zu haben, der solle „seine Prinzipientreue und hohe Moral beweisen und stolz erhobenen Hauptes sterben". Auf Twitter entschuldigte er sich ironisch dafür, noch am Leben zu sein: „Bei der nächsten Attacke gehe ich bestimmt.
Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisierte hingegen, mit dem vorgetäuschten Mord sei die Öffentlichkeit in die Irre geführt worden. „Solche Inszenierungen sind ein Stich ins Mark der Glaubwürdigkeit des Journalismus", warnte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske in einer Mitteilung. Es sei unglaubwürdig, dass ein möglicher Mordanschlag nicht anders als durch dessen Vortäuschen verhindert werden könne.
BILD,