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Botschafter der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland Dr. Andrij Melnyk hielt die Rede bei der Eröffnung der Foto-Ausstellung "Schutz und Sichtbarmachung von Massengräbern des Holocaust in der Ukraine"
Veröffentlicht am 10 Oktober 2019 Jahr 15:35

Am 28. August 2019 wurde die Foto-Ausstellung "Schutz und Sichtbarmachung von Massengräbern des Holocaust in der Ukraine" im Rahmen des internationalen Projekts "Erinnerung bewahren" im Lichthof des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland eröffnet. Bei der Eröffnung der Veranstaltung hielt der Botschafter der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland Dr. Andrij Melnyk seine Rede.

Er sprach über die Massaker des Holocaust sowie andere grausame Seiten in der Geschichte der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges. Dr. Andrij Melnyk hob hervor, dass das Errichten von Gedenkstätten an die ermordeten Juden sowie Sinti und Roma von großer Bedeutung sei. Denn auf diese Art und Weise sei es möglich geworden, das Gedächtnis an diese furchtbare Tragödie für die jetzige und zukünftige Generation aufzubewahren.

Grußwort

des Botschafters der Ukraine Dr. Andrii Melnyk, LL.M.

anlässlich der Ausstellungseröffnung

„Erinnerung bewahren – Schutz und Sichtbarmachung

von Massengräbern des Holocaust in der Ukraine“

(Lichthof, Auswärtiges Amt, den 28. August 2019)


Tage kommen und gehen, alles bleibt wie es ist, Nichts bleibt wie es ist, es zerbricht wie Porzellan, Du bemühst dich die Scherben zu kleben zu einem Gefäß und weinst weil es nicht glückt.

Sehr geehrter Herr Bundesminister Maas,

verehrte Mitglieder des Bundestages,

Sehr geehrte Frau Botschafterin Küchler, lieber Herr Neumärker,

Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Diese bewegenden Zeilen entstammen der Feder von Rosa Ausländer, einer weltberühmten jüdischen Lyrikerin, die im ukrainischen Tschernowitz geboren wurde und wie durch ein Wunder die Schrecken der NS-Herrschaft überleben konnte.

Unsere Erinnerung als Scherbenhaufen?

Vor kurzem haben wir mit meiner Frau die Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz besucht.

Dasschrecklichste Exponat, das wir an diesem genauso malerischen wie schaurigen historischen Ort erlebt haben, war ein unauffälliges Stück Papier.

Nämlich die Seite Nummer 6 des Besprechungsprotokolls einer Sitzung am 20. Januar 1942 zu einem sachlich formulierten Thema: die Endlösung der Judenfrage.

Dieses unscheinbare Dokument, das anschneidend eher aus Schamgefühl und nicht wegen der Zeit vergilbt ist, beinhaltet eine beinahe harmlose Tabelle.

Darin werden 11 Millionen Juden Europas, die das Naziregime zu vernichten beschloss, sehr akribisch nach Ländern gegliedert.

Was meine Frau und mich zutiefst erschüttert hat, war eine ganz winzige Zeile aus dieser martialischen Liste:

Die meisten zu ermordenden Juden lebten damals in der Ukraine.

Genauer gesagt, 2 Millionen 994 Tausend 684 Personen. Viel mehr als in jedem anderen europäischen Land.

Und wenn wir das ukrainische Ostgalizien dazurechnen würden, das vor dem Zweiten Weltkrieg zu Polen gehörte, übrigens auch meine Heimatstadt Lviv oder Lemberg, wo die Juden über 30% der gesamten Bevölkerung ausmachten, sowie die Bukowina mit Tschernowitz, damals rumänisch, würde diese haarsträubende Zahl noch viel höher ausfallen.

Mit anderen Worten hat jeder dritte jüdischer Mitbürger, der vom Dritten Reich ausgerottet werden musste, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine gelebt.

Seit vielen Jahrhunderten waren die Juden ein untrennbarer Teil der Geschichte meiner Heimat, ein fester Bestandteil unserer DNA, denn die Juden sind aus dem gesellschaftlichen Leben in der Ukraine

nicht wegzudenken.

Daher rührte auch der Schock, der meiner Frau und mir immer noch tief in den Knochen steckt.

Denn die systematisch betriebene totale Ausmerzung, das unermessliche Leid, das durch den Holocaust den Juden zugefügt wurde, betraf fast jede ukrainische Familie.

Das war und bleibt ein tödlicher Schlag ins Herz und die Seele eines jeden Ukrainers.

Das beste Beispiel dieser einmaligen Verwobenheit, dieser Verflechtung unserer Völker ist die Tatsache, dass nach Israel die Ukraine das weltweit einzige Land ist, wo beide sowohl der Präsident, als auch der Premierminister Juden sind.

Dieses grausame gemeinsame Schicksal der Juden und Ukrainer während des Zweiten Weltkriegs wurde in der Sowjetzeit absichtlich aus dem kollektiven Gedächtnis meiner Landsleute fast komplett ausgelöscht und ausradiert.

Deswegen begrüßt das ukrainische Volk ausdrücklich das Projekt Erinnerung bewahren, das den unzähligen Opfern des Shoah - aber auch der NS-Vernichtungspolitik gegen Sinti und Roma - ihre menschliche Würde zurückgibt, und unsere Regierung wird es nach Kräften unterstützen.

Ihnen, Herr Neumärker, Ihren Mitstreitern in der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie dem Auswärtigen Amt gebühren unser Dank und unsere Anerkennung.

Verehrter Herr Bundesminister, werte Gäste,

Die Ukraine gehört zu den Nationen, die im Zweiten Weltkrieg die meisten Opfer zu beklagen haben:

Zwischen 8 und 10 Millionen meiner Landleute wurden von den Nazis ermordet, die meisten von ihnen – über 5 Millionen - waren Zivilisten: darunter über 1 Million unserer jüdischen Schwestern und Brüder.

Die Naziherrschaft tötete fast jeden vierten Einwohner der Ukraine.

2,5 Millionen Ukrainer wurden als Zwangsarbeiter versklavt und in das Dritte Reich gewaltsam verschleppt und ausgebeutet. Und es ist eine Schande, dass vor kurzem in Bremen an einem solchen Gedenkort der Ausbeutung ein Bordell zugelassen wurde.

Was wir Ukrainer heute wollen, ist, dass nicht nur ein Paar Historiker, sondern die gesamte deutsche Gesellschaft, deutsche Öffentlichkeit, aber vor allem deutsche Jugend dieser kaum bekannten Seiten der Geschichte bewusster wäre.

Mein Sohn hat drei Jahre lang ein Berliner Gymnasium besucht. Im Geschichtsunterricht erforschten die Schüler die Genese des Dritten Reiches, auch der Zweite Weltkrieg wurde sehr genau analysiert.

Aber er war enttäuscht und ratlos, dass in diesem Zusammenhang die Ukraine fast gar nicht vorkommt.

Und das ist absolut kein Vorwurf, sondern nur eine Feststellung des Zustandes, der nach unserer Überzeugung verbessert werden muss.

Es besteht ein dringender Handlungsbedarf. Und Deutschland ist ja das beste Beispiel dafür, wie man die dunkelsten Kapitel eigener Vergangenheit mutig aufarbeiten kann.

Vor zwei Jahren hat der Bundestag das Thema historische Verantwortung Deutschlands gegenüber der Ukraine im Plenum diskutiert. Damals konnte leider kein Beschluss gefasst werden, obwohl alle Fraktionen diese historische Verantwortung öffentlich anerkannt haben.

Wir Ukrainer hoffen, dass Sie, Herr Bundesminister, diese notwendige historisch-politische Debatte im Parlament wieder anstoßen werden.

Und wir appellieren an Sie, an die Bundesregierung, den Bundestag und den Berliner Senat, an alle Menschen guten Willens in Deutschland, sich dafür einzusetzen, dass in Berlin ein Mahnmal für die Millionen Opfer des NS-Terrors in der Ukraine sowie eine Dokumentationsstätte entsteht.

Dass die Initiative, einen Erinnerungsort an die polnischen Opfer der NS-Vernichtungspolitik zu errichten, vor wenigen Tagen von 240 Abgeordneten unterstützt wurde, gibt uns Ukrainern Mut und Hoffnung, dass auch unser Begehren auf Gehör stoßen wird.

Wir bitten Sie, Herr Minister Maas, um Ihr tatkräftiges persönliches Engagement in diesem Anliegen der historischen Gerechtigkeit.

Es wäre auch zu begrüßen, falls seitens des Auswärtigen Amtes entsprechende Signale an die Kultusminister-Konferenz ausgehen würden, damit die Ukraine in deutschen Schulbüchern gebührend thematisiert wird.

Und ich möchte Sie, Herr Bundesminister, schon heute einladen, im Laufe Ihres nächsten Besuchs in die Ukraine eine der Tausende Gedenkstätten an die Kriegsopfer zu besuchen, um das öffentliche Bewusstsein in der Bundesrepublik in bezug auf diese historische Verantwortung Deutschlands zu stärken:

Zum Beispiel das Dorf Korjukiwka, 220 km nordöstlich von Kyjiw gelegen, wo eines der schlimmsten Massaker an Zivilisten verübt wurde: am 1. und 2. März 1943 sind von den NS-Schergen 6700 Personen in einer einzigen Strafaktion ermordet worden.

Tage kommen und gehen, alles bleibt wie es ist, Nichts bleibt wie es ist, es zerbricht wie Porzellan, Du bemühst dich die Scherben zu kleben zu einem Gefäß und weinst, weil es nicht glückt.

Es liegt heute an uns, dieses Vermächtnis von Rosa Ausländer zu erfüllen.

Ich wünsche mir, dass es uns dank gemeinsamen Anstrengungen gelingen wird, all die verlorenen Scherben unserer Geschichte zusammenzukleben zu einem Gefäß der Versöhnung und so die Erinnerung an die Opfer wach zu halten.

In diesem Sinne danke ich nochmals von Herzen den Initiatoren dieses großartigen Projekts für ihre aufopferungsvolle Arbeit und Ihnen, Herr Bundesminister, dafür, dass Sie es höchstpersönlich begleiten und unterstützen.

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