Seit Wochen dominiert der Krieg in Nahost die öffentliche Aufmerksamkeit. Welche Folgen hat das für den Ukraine-Krieg?
Makeiev: Ich finde, dass die Ukraine nach wie vor sehr präsent in den Medien ist. Wenn ich morgens zur Arbeit ins Büro fahre, höre ich oft zwar die ersten Nachrichten zum schrecklichen Krieg der Hamas gegen Israel, aber dann kommen meist schon die Nachrichten über mein Land. Und es geht nicht nur um den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, sondern auch um Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Deutschland Schutz gefunden haben.
Die ukrainische Gegenoffensive läuft schon seit Monaten. Laut Medienberichten bleiben aber bislang großflächige Geländegewinne aus. Ist die Gegenoffensive gescheitert?
Makeiev: Wer ständig in warmen Häusern und in einem Sessel sitzt und darauf hofft, dass eine Gegenoffensive wie ein strategisches Computerspiel abläuft, wird nicht begreifen, dass es in der Ukraine jeden Tag an der Front um Menschenleben geht. Diese „Sessel-Experten“ wissen nicht, was es bedeutet, 20 Kilometer breite Minenfelder zu überwinden. Aber klar ist: Russland konnte sich einbarrikadieren. Das liegt an der unzureichenden Bewaffnung der ukrainischen Streitkräfte und der Tatsache, dass es manchmal auch sehr lange gedauert hat, bis unsere Partner uns die notwendigen Waffen für diese Gegenoffensive geliefert haben. Doch die Gegenoffensive ist nicht gescheitert! Aber die Herausforderungen wachsen ständig..
In welcher Form?
Makeiev: Die ukrainischen Streitkräfte und die ganze Welt sind mit einer völlig neuen Lage konfrontiert, die vor einem Jahr noch unvorstellbar war. Die Frage ist: Wie führt man einen Krieg, der viele Charakteristika des Ersten Weltkriegs hat − also eine Art Artillerie- und Stellungskrieg ist? Aber zugleich gewinnen Drohnen im Krieg immer mehr an Bedeutung. Das hier ist hier alles andere als ein strategisches Spiel, das ist ein bitterer Kampf ums Überleben.
Für diesen Kampf benötigen Sie weitere Waffen aus dem Westen. Doch die Slowakei hat die Lieferungen gestoppt − und auch in den USA laufen zähe Debatten über eine Fortsetzung der Waffenhilfe. Haben Sie die Befürchtung, dass der Rückhalt aus dem Westen langsam schwindet?
Makeiev: Nein, habe ich nicht. Mein Präsident, die Regierung, ich als Diplomat in Deutschland sowie die anderen ukrainischen Botschafterinnen und Botschafter in der ganzen Welt sorgen unermüdlich dafür, dass diese Solidarität erhalten bleibt. Und ich weiß, dass es uns auch gelingt. Denn es gibt etwas, was uns Europäer verbindet: Das sind die Werte, die heute in der Ukraine verteidigt werden.
Deutschland hat zumindest angekündigt, die Militärhilfe für das kommende Jahr von vier auf acht Milliarden Euro zu verdoppeln. Reicht das?
Makeiev: Als Diplomat steht es nicht in meiner Kraft, das zu beurteilen. Mich leitet vielmehr, welchen Bedarf unsere kämpfenden Truppen an der Frontlinie sehen. Präsident Selenskyj hat mich im vergangenen Jahr als Botschafter nach Deutschland geschickt – und mir gesagt: Wir brauchen deutsche Schützen- und Kampfpanzer. Das sind Aufträge, an denen ich mich orientiere. Ich komme also zu meinen deutschen Partnern nicht mit meinen persönlichen Vorstellungen, sondern es geht nur darum, was unsere Armee benötigt. Fakt ist: In Deutschland hat sich im vergangenen Jahr viel geändert. Es werden jetzt auch zügig Waffen geliefert...
Sie spielen darauf an, dass es manchmal bei Waffenlieferungen lange gedauert hat. Wie gut funktioniert aktuell die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung?
Makeiev: Ich habe einen direkten Draht zu vielen Entscheidungsträgern. Meine Gesprächspartner in vielen Bundesministerien haben mir gesagt: Herr Botschafter, wir sind 24 Stunden für Sie da. Wenn Sie etwas benötigen, geben Sie einfach Bescheid. Ich glaube, das ist ein sehr gutes Zeichen der partnerschaftlichen Beziehungen und der Verbundenheit mit der Ukraine.
Trotzdem will man Ihnen nicht jeden Wunsch erfüllen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich bislang gegen die Lieferung der Taurus-Marschflugkörper ausgesprochen. Können Sie seine Argumente nachvollziehen?
Makeiev: Wir führen weiter Verhandlungen mit unserem Partner in dieser Sache. Ich versuche auch, meine Argumente klarzumachen. Aber diese Gespräche laufen nicht in der Öffentlichkeit, sondern hinter verschlossenen Türen. Mir ist wichtig, dass wir nicht über einzelne Waffensysteme sprechen, sondern über die Grundeinstellung.
Worum geht es dabei?
Makeiev: Es geht darum, dass Deutschland der Ukraine hilft. Es liegt doch im deutschen und europäischen Interesse, dass die Ukraine sich verteidigt und diesen Krieg gewinnt. Und ich spüre, dass diese Grundeinstellung mittlerweile hier in Deutschland immer verbreiteter ist.
Die Ukraine pocht aber weiter auf Taurus-Lieferungen. Könnte das System einen entscheidenden Unterschied im Krieg machen?
Makeiev: Es gibt kein Waffensystem, das in diesem Krieg alles verändern würde. Jedes Waffensystem hat eigene Ziele. Taurus wäre aber wichtig, um die russischen Knotenpunkte zu vernichten und Lieferketten der russischen Armee zu durchbrechen. Die Möglichkeiten von Taurus (Anm. d. Red.: Die Reichweite beträgt laut Herstellerangaben bis zu 500 Kilometer) sind hier auch ausschlaggebend, weil dadurch unsere Piloten mehr Raum hätten, um ein Geschoss vom ukrainischen Territorium abzuwerfen.
Die Ukraine hat vor einer Angriffswelle auf die Energie-Infrastruktur im Winter gewarnt. Es drohen auch großflächige Stromausfälle. Besteht die Gefahr, dass die Energieversorgung noch stärker als im vergangenen Winter zerstört wird?
Makeiev: Natürlich besteht die Gefahr. Wir wissen aus dem vergangenen Winter, dass die Russen gezielt versuchen, die Energie-Infrastruktur zu zerstören, sobald es kälter wird. Aber in diesem Winter sind wir besser aufgestellt und besser bewaffnet − auch dank weiterer Flugabwehrsysteme wie IRIS-T und Patriot, die Deutschland geliefert hat.
Welche Auswirkungen drohen im Winter für die Zivilbevölkerung?
Makeiev: Das kann man schlecht voraussehen. Es hängt vor allem davon ab, wie viele russische Raketen wir abfangen. Deswegen betont unser Präsident − und unsere Regierung − auch jedes Mal, wie wichtig die Flugabwehr ist.
Reicht die von den westlichen Staaten angekündigte Winterhilfe?
Makeiev: Jede Hilfe ist willkommen. Wir brauchen diese Winterhilfe. Die Notversorgungsausstattung wie zum Beispiel Stromgeneratoren und Heizgeräte hat uns im vergangenen Winter sehr geholfen. Wir sind ein kämpferisches Volk. Ich bin mir sicher: Wir werden auch diesen Winter überstehen.
Im Februar jährt sich der russische Angriff auf die Ukraine zum zweiten Mal. Befürchten Sie, dass der Westen irgendwann die Geduld verliert und die Ukraine zu Friedensverhandlungen drängen könnte?
Makeiev: Diejenigen, die die Geduld verlieren, lade ich herzlich in die Ukraine ein. Es reicht, wenn man einen Tag unter Beschuss kommt und versteht, dass keiner in Europa sicher ist − bevor dieser russische Imperialismus besiegt wird. Dann denkt man sicher nicht mehr darüber nach, die Geduld zu verlieren. Die Ukrainerinnen und Ukrainer stemmen sich mit aller Macht gegen den russischen Angriff − zwar mit den Waffen aus dem Westen, aber viele meiner Landsleute opfern dafür auch ihr Leben.
Was sagen Sie den Kritikern, die weiter zügige Friedensverhandlungen fordern?
Makeiev: Es gibt keine Gespräche über Friedensverhandlungen mit Russland. Erst einmal muss sich Russland aus der Ukraine zurückziehen. Zudem muss Russland sich dazu bereiterklären, dass die Verursacher des Angriffskrieges vor dem Internationalen Gerichtshof für die Gräueltaten zur Rechenschaft gezogen werden. Zudem müssen Reparationen an die
Ukraine gezahlt werden. Und es sollte klar sein: Russland darf niemanden mehr bedrohen. Dann wäre ein gerechter Frieden erreicht und eine gute Grundlage für die Nachkriegszeit in Europa. Das Ziel muss sein, dass die ganze Welt beruhigt schlafen gehen kann – ohne befürchten zu müssen, dass nachts wieder irgendwo eine russische Rakete einschlägt.
Das Gespräch wurde von Herrn Stefan Biestmann geführt.
Der Text des Interviews ist unter dem folgenden Link zu lesen: https://www.wn.de/muenster/ukraine-botschafter-krieg-makeiev-russland-2870239?pid=true