Interview des Botschafters der Ukraine in Deutschland
Dr. Andrij Melnyk, LL. M.
der Redaktion Funke Mediengruppe
„Bundesregierung soll der Ukraine Waffen liefern“
Botschafter Andrij Melnyk: Deutschland hat die gleiche Verantwortung wie für Israel
10. Januar 2022
von Michael Backfisch
Berlin. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, hat die Bundesregierung aufgerufen, Waffen an sein Land zu liefern. „Daher fordern wir von der Ampel-Regierung, die bestehende – moralisch absolut verwerfliche – Blockadehaltung aufzugeben und die Ukraine dringend mit notwendiger Verteidigungsrüstung zu versorgen. Wir haben volles Recht auf Selbstverteidigung“, sagte Melnyk unserer Redaktion. „Deutschland trägt die gleiche historische Verantwortung für die Ukraine wie für Israel. Daher erwartet man in Kiew massive militärische Unterstützung Deutschlands, um den Preis für Putins bevorstehenden Angriff in die Höhe zu treiben und diesen noch zu verhindern.“
Die Gefahr einer russischen Invasion in die Ukraine sei unverändert hoch, betonte der ukrainische Botschafter. „Alle Warnlichter blinken grellrot. Das Schlimmste ist, dass Putin nicht nur fähig ist, wieder massiv militärisch einzumarschieren, sondern auch willens ist, diese neue Invasion zu wagen, um die ukrainische Staatlichkeit zu zerstören. Diese imminente Kriegsgefahr soll man in Berlin nicht unterschätzen und auf die leichte Schulter nehmen.“ Nach Einschätzung westlicher Staaten hat Russland Zehntausende Soldaten nahe der Grenze zur Ukraine konzentriert. „Wie ein Hütchenspieler disloziert Putin immer mehr neue Einheiten und schwere Militärtechnik und betreibt ein höchst gefährliches Katz-und-Maus-Spiel“, so Melnyk. Darüber hinaus mahnte der Diplomat die Bundesregierung, sich für einen zügigen Beitritt der Ukraine in die Nato und die EU starkzumachen. „Denn nur wenn die Ukraine zum untrennbaren Bestandteil des Nordatlantikpaktes wird, würde Putin für immer die Versuchung verlieren, uns anzugreifen.“
Mit Blick auf die in dieser Woche stattfinden Gespräche zwischen dem Westen und Russland sagte Melnyk: „Es wäre naiv, zu glauben, dass die bevorstehenden Verhandlungen unserer westlichen Verbündeten mit Russland einen Durchbruch herbeiführen.“ Der Diplomat verlangte vom Westen sofortige Sanktionen gegen Moskau. „Um einen neuen Einmarsch Russlands noch zu verhindern, müssten unsere Partner in Europa und den USA sehr harte vorbeugende Strafmaßnahmen gegen Moskau ergreifen, bevor Putin seine militärische Intervention ausweitet, und nicht erst danach, wenn es zu spät ist. Das endgültige Aus für die Nord-Stream-2-Pipeline soll zu diesem Katalog gehören.“
Melnyk warnte vor einer „Appeasement-Politik gegen ein immer aggressiveres Russland“. Moskau sollte „als Aussätziger behandelt und als Pariastaat international isoliert werden“, so der Botschafter.
Erschienen am 10.01.2022 in den Zeitungen der Funke Mediengruppe – Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, WAZ und andere.
Das Interview wurde auch von den zahlreichen deutschen Medien aufgenommen:
https://www.deutschlandfunk.de/russland-und-usa-sprechen-ueber-ukraine-krise-100.html
https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-botschafter-in-berlin-fordert-waffenlieferungen-von-deutschland-a-463819da-5dc6-4e05-8499-3f6b5b043070
https://www.n-tv.de/politik/Kiews-Botschafter-redet-Ampel-ins-Gewissen-article23046502.html
https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-01/usa-russland-gespraeche-abendessen-ukraine
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/ukraine-krise-usa-und-russland-sprechen-in-genf,Su65RQQ
https://www.tagesspiegel.de/politik/gleiche-verantwortung-wie-fuer-israel-ukrainischer-botschafter-fordert-waffen-von-deutschland/27960408.html
https://www.report-k.de/ukraine-fordert-militaerische-unterstuetzung-aus-deutschland/