Anlässlich des Unabhängigkeitstages der Ukraine fand am 3. September 2025 in Berlin ein feierlicher Empfang statt, der der interregionalen Partnerschaft zwischen der Region Lwiw und dem Saarland gewidmet war.
Die im Jahr 2023 geschlossene Partnerschaft bildet angesichts der umfassenden russischen Aggression eine wichtige Plattform für die Entwicklung praktischer Zusammenarbeit. So leistet das Saarland humanitäre Hilfe für Lwiw, insbesondere in Form von medizinischer Ausrüstung und Transportmitteln. Parallel dazu findet ein aktiver Austausch zwischen Bildungseinrichtungen, Kulturschaffenden und Unternehmern beider Regionen statt.
Diese Zusammenarbeit gewinnt zusätzlich an Bedeutung durch den Vorsitz des Saarlands im Bundesrat. Dies stärkt die politische Rolle des Landes im föderalen System Deutschlands und ermöglicht ein noch aktiveres Eintreten für die Unterstützung der Ukraine auf Bundesebene.
Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und die stellvertretende Leiterin der Militärverwaltung der Region Lwiw, Khrystyna Zamula, stellten Vertreterinnen und Vertretern aus Regierung, Diplomatie, Wirtschaft und Zivilgesellschaft die bisherigen Ergebnisse der Partnerschaft sowie das Investitionspotenzial der Region Lwiw vor. Dabei wurden Innovationen, Erholungs- und Bildungsmöglichkeiten sowie die kulturelle Vielfalt der Region präsentiert.
Für das musikalische Programm des Abends sorgten die Musikerinnen und Musiker der Lwiwer Nationalphilharmonie Myroslaw Skoryk – Mykhailo Sosnovskyi (Flöte) und Ivanna Hetto (Harfe). Sie spielten Werke ukrainischer Komponisten wie Berezovskyj, Kolodub, Skoryk, Maiboroda, Kos-Anatolskyj, Vermenytsch und Ivasyuk.
In seiner Ansprache betonte Botschafter Oleksii Makeiev die Bedeutung regionaler Partnerschaften für den Wiederaufbau der Ukraine und die Entwicklung zwischenmenschlicher Kontakte.
„In diesem Jahr sind 26 neue Städtepartnerschaften hinzugekommen. Insgesamt sind es bereits 250 kommunale und 10 regionale Partnerschaften. Das sind Brücken zwischen unseren Menschen. Besonders danke ich den Gemeinden in Deutschland, die Ukrainerinnen und Ukrainer aufgenommen und geschützt haben.”
Den vollständigen Redetext auf Deutsch finden Sie unten. Das Video auf YouTube.
Sehr geehrte Frau Bundesratspräsidentin Rehlinger,
sehr geehrte Frau Zamula,
liebe Freunde,
meine Damen und Herren,
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen Diplomaten hier im Saal wissen: Mir fällt es schwer, auf Empfänge zu gehen. Mir fällt es schwer, zu feiern. Selbst am Unabhängigkeitstag.
Denn ich weiß: Während wir hier anstoßen, werden in der Ukraine Verteidigerinnen und Verteidiger begraben. Um wirklich den Unabhängigkeitstag feiern zu können, müsste ich am Grab meines Freundes Arsen Fedosenko sein – Fotograf, Winzer, Familienvater. Wir würden mit meiner Frau Olena und seiner Frau Anna eine Flasche seines Weins öffnen, den er nie selbst probieren konnte. Und wir würden trinken – ohne anzustoßen.
Für die Unabhängigkeit, die uns nicht „in den Schoß gefallen“ ist, sondern für die Arsen und Hunderttausende Ukrainerinnen und Ukrainer kämpfen – und für die er sein Leben gab.
Lassen Sie uns gemeinsam all jener Ukrainerinnen und Ukrainer gedenken, die ihr Leben für die Unabhängigkeit der Ukraine geopfert haben.
An diesem Unabhängigkeitstag möchte ich über drei Dinge sprechen, die für mich persönlich besonders wichtig sind: über Dank, über Hoffnung und über Handeln.
Seit meiner Ankunft in Deutschland gibt es ein Wort, das ich unzählige Male gesagt habe: „Danke“. Und jedes Mal meine ich es wirklich.
Heute möchte ich dem Saarland und Ihnen, sehr geehrte Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, meinen Dank aussprechen. Nach Beginn der groß angelegten Invasion hat das Saarland meinem Land eine helfende Hand gereicht und die Partnerschaft mit der Region Lwiw geschlossen. In den vergangenen fast zwei Jahren haben wir Ihre Unterstützung gespürt.
Ich danke auch der Bundesrepublik Deutschland und jedem einzelnen Deutschen. Deutschland bleibt einer unserer wichtigsten Partner. Deutschland ist größter militärischer Unterstützer in Europa. Deutschland hat die militärische Hilfe Jahr für Jahr verdoppelt: 2023 waren es 2,2 Milliarden Euro, 2024 schon 7,5. Jetzt stehen über 8 Milliarden, und für die nächsten Jahre sind fast 9 Milliarden im Haushalt eingeplant.
Deutschland liefert nicht nur, sondern investiert auch in die Waffenproduktion direkt in der Ukraine. Deutsche Rüstungsunternehmen sind schon dabei: Rheinmetall, KNDS, Diehl Defence, FFG, Quantum Systems, MBDA, Helsing – sie eröffnen Büros, starten Projekte, bauen Hubs und investieren in Forschung und Entwicklung.
Dieses Jahr kamen 26 neue Städtepartnerschaften dazu. Insgesamt sind es jetzt 250 kommunale und 10 regionale Partnerschaften. Das sind Brücken zwischen unseren Menschen. Mein besonderer Dank gilt auch den Gemeinden hier in Deutschland, die Ukrainerinnen und Ukrainer aufnehmen und schützen.
Ich reise viel durch Deutschland. Ich spüre Ihre Solidarität und Ihre Unterstützung – in Aachen im Westen ebenso wie in Cottbus im Osten. Ich spüre manchmal auch die Hoffnung, dass sich dieser Krieg von selbst löst. Dass keine russische Rakete Berlin erreicht. Dass deutsche Soldaten nicht zu den Waffen greifen müssen, um Europa vor Putins Terror zu verteidigen.
Und dann gibt es die Hoffnung der Ukrainer. Der ukrainische Journalist, Philosoph und Soldat Pawlo Kasarin wurde auf der Frankfurter Buchmesse gefragt: „Wo ist der ukrainische Hemingway?“ Er antwortete: „Der ukrainische Hemingway sitzt gerade im Schützengraben bei Awdijiwka – und hofft, dass der ukrainische Remarque, der eine Mörserbatterie befehligt, genug Munition hat.“
Ich hoffe auch jeden Tag, dass Diehl Defence am Bodensee eine weitere IRIS-T produziert. Dass noch ein Leopard, ein Marder, eine Panzerhaubitze an die Front kommt – von denen mir ukrainische Soldaten begeistert berichten.
Deutsche Soldaten auf Patriot-Systemen in Polen sehen russische Raketen und Drohnen auf ihren Radaren. Sie hoffen, dass ukrainische Soldaten – ihre Kameraden, die sie in Todendorf an Patriot und IRIS-T ausgebildet haben – sie abschießen. Und wenn nicht, dann hoffen sie, dass die Raketen nicht Przemyśl, Lublin oder Rzeszów treffen – sondern Lwiw, Uschhorod oder Iwano-Frankiwsk.
Und wenn deutsche Eurofighter-Piloten in Rumänien den Luftraum sichern, hoffen sie, dass die Drohnen nicht in den rumänischen Luftraum gelangen. Sie hoffen, dass ukrainische Soldaten sie zerstören. Oder, dass sie „nur“ Odesa treffen.
In einem Schützengraben bei Awdijiwka sitzt ein ukrainischer Soldat mit dem Rufnamen „Goethe“. Und er hofft, dass die deutschen „Beethoven“ am Patriot in Rzeszów und „Schiller“ im Eurofighter über Rumänien eines Tages die Erlaubnis bekommen, gemeinsam mit den Ukrainern tödliche russische Raketen abzufangen – über Odesa, wo seine Eltern wohnen, und über Lwiw, wo seine Frau und zwei Kinder gerade im Schutzbunker sitzen.
Hoffnung ist wichtig. Aber Hoffnung allein reicht nicht. Sie muss von Taten begleitet werden.
Deutschland hat in diesem Jahr gezeigt, dass es führen und entscheiden kann. Mit Waffen. Mit Investitionen. Mit klaren Entscheidungen. Team Europa mit meinem Präsidenten Zelenskyy und dem Bundeskanzler Merz hat es vor wenigen Wochen in Washington bestätigt.
Wir brauchen mehr davon. Politische Führungsrolle Deutschlands in Europa und in der „Koalition der Willigen“. Unterstützung mit Waffenlieferungen. Investitionen in die ukrainische Verteidigungsindustrie. Sicherheitsgarantien und Integration der Ukraine in die EU und die NATO. Sanktionsdruck auf Russland und die Beschlagnahmung russischer Vermögen.
Eine neue Qualität unserer bilateralen Beziehungen: durch Regierungskonsultationen, durch gemeinsame Projekte in Wirtschaft, Digitalisierung und Kultur.
Mehr Präsenz der Ukraine in Deutschland und Deutschlands in der Ukraine. Weniger russischer Einfluss. Weniger Schwäche. Mehr Mut.
Meine Damen und Herren,
Im Foyer des ukrainischen Außenministeriums in Kyjiw stehen in einer Glasvitrine abgetragene Stiefel, die viele Jahre in den Schützengräben gesehen haben. Auf der Tafel steht:
„Die Demokratie steht, weil die ukrainische Infanterie steht.“
Die Unabhängigkeit der Ukraine ist nicht nur unsere Unabhängigkeit. Sie ist auch die Unabhängigkeit Europas. Einigkeit und Recht und Freiheit bleibt nur bestehen, wenn die Ukraine unabhängig bleibt.
Gemeinsam mit Deutschland werden wir Ukrainer, wir Europäer sicherstellen, dass die Ukraine frei und unabhängig bleibt. Dass die Demokratie steht. Und dass Europa sicher bleibt.
Danke Deutschland. – Und: Slava Ukraini.
Vielen Dank für die Fotos an Pavlo Slobodnychenko.