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NAZI-VERBRECHEN IN DER UKRAINE: Steinmeiers Verteidigung von Nord Stream 2 ist Geschichtsklitterung von Clemens Wergin
Veröffentlicht am 22 Februar 2021 Jahr 23:04

NAZI-VERBRECHEN IN DER UKRAINE

Steinmeiers Verteidigung von Nord Stream 2 ist Geschichtsklitterung

von Clemens Wergin

Chefkorrespondent Außenpolitik „Die Welt“

Veröffentlicht am 09.02.2021


Der Bundespräsident begründet Nord Stream 2 auch mit der besonderen Verpflichtung Deutschlands gegenüber Russland, die aus den Verbrechen des Nazi-Regimes erwachse. Ganz so, als hätten andere Staaten der Ex-Sowjetunion nicht genauso oder sogar noch mehr gelitten.

Wenn Politikern die Argumente ausgehen, dann greifen sie gerne mal zu schiefen historischen Vergleichen. Es passiert jedoch nicht alle Tage, dass der höchste Amtsträger der Bundesrepublik quasi ex cathedra Geschichtsklitterung betreibt, wie es Präsident Frank-Walter Steinmeier im Interview mit der „Rheinischen Post“ tut. Steinmeier verteidigt dort die hochumstrittene Pipeline Nord Stream 2 als „fast die letzte Brücke zwischen Russland und Europa“. Das ist fragwürdig genug.


Dabei belässt es Steinmeier aber nicht, sondern er plädiert für Nachsicht mit Russland gerade von deutscher Seite angesichts der 20 Millionen Toten in der Sowjetunion durch die Gräueltaten der Nazis. „Ja, wir leben in der Gegenwart eines schwierigen Verhältnisses“, sagt Steinmeier, „aber es gibt eine Vergangenheit davor und eine Zukunft danach.“

Nur: Wenn man schon die Geschichte bemüht, dann sollte man sie nicht als Steinbruch behandeln, aus dem man beliebig Einzelteile herausbricht und diese dann zu einer verfälschten Erinnerung zusammenbaut. Ja, die Sowjetunion war ein russisches Projekt und quasi die Fortführung des russischen Imperialismus mit anderen Mitteln. Richtig ist auch, dass Russland in vielerlei Hinsicht die Rechtsnachfolge der Sowjetunion angetreten hat.


Das bedeutet aber keineswegs, wie Steinmeier impliziert, dass die deutschen Verbrechen auf dem Gebiet der Sowjetunion eine höhere moralische Verpflichtung gegenüber Moskau begründen würde als gegenüber anderen Staaten Osteuropas. Schließlich gehörten viele weitere Länder, die heute unabhängig sind, einst zur Sowjetunion. Etwa die baltischen Staaten und die Ukraine, in denen die Nazis besonders furchtbar gewütet haben.

Die Ukraine hat sich deshalb zu Recht gewehrt gegen Steinmeiers Russland-apologetische Geschichtsdeutung. Schließlich hat dieses Land besonders schwer gelitten unter beiden Diktaturen, der sowjetischen genauso wie der deutschen. „Bloodlands“ hat der Historiker Timothy Snyder jenes Gebiet zwischen Zentralpolen und dem westlichen Russland genannt, in dem der Stalinismus, die deutsch-sowjetische Besetzung Polens und der Zweite Weltkrieg Verheerungen unfassbaren Ausmaßes angerichtet haben. Die Ukraine war Anfang der 30er-Jahre erst Opfer des von den Sowjets angeordneten Hunger-Genozids an der ukrainischen Bevölkerung, dem sogenannten Holodomor, und später dann Schauplatz grausamster Nazi-Verbrechen.

Die Ukraine hat deshalb eigentlich unsere doppelte Solidarität verdient, die aus der deutschen Geschichte erwachsende genauso wie Hilfe dabei, nicht erneut zum Opfer russischen Expansions- und Machtstrebens zu werden, wie es sich gerade auf der Krim und in der Ostukraine manifestiert. Nord Stream 2 stellt jedoch genau das Gegenteil dar, weil es die durch die Ukraine führenden Gaspipelines nach Europa umgeht und Moskau damit neue Erpressungsmittel gegenüber Kiew in die Hand gibt.

Diesen geostrategischen Gewinn für Moskau mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu entschuldigen ist deshalb nicht nur geschichtsvergessen, es ist geradezu infam angesichts des Leids, das sowohl Nazi-Deutschland wie auch der russische Sowjetimperialismus in Osteuropa und den nicht russischen Teilen der Sowjetunion angerichtet haben.

Offensichtlich ist aber eine derartig verzerrte Geschichtsdeutung noch immer so präsent im deutschen Diskurs über Russland und Osteuropa, dass sie sogar ein Bundespräsident wie selbstverständlich weiterverbreitet. Das ist intellektuell und moralisch beschämend.

Quelle: Die Welt

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