Ukraines Landwirtschaft ersetzt Russland durch Weltmarkt
Montag, 19. Januar 2015, 09:31 Uhr
- von Andreas Rinke
Berlin (Reuters) - Die ukrainische Landwirtschaft verkraftet die zunehmende Abschottung des russischen Marktes für ihre Waren nach Angaben von Agrarminister Pawlenko immer besser.
"Nach einer Getreide-Rekordernte von 63,8 Millionen Tonnen 2014 strebt die Ukraine bis 2020 eine Ernte von 100 Millionen Tonnen an", sagte Pawlenko in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Die Exportmenge von 37 Millionen Tonnen in 2014 solle bis 2020 auf rund 70 Millionen Tonnen fast verdoppelt werden, die auf dem Weltmarkt abgesetzt würden. Die Ukraine zählt zu den größten Getreideproduzenten der Welt. Agrarexporte sind eine Haupteinnahmequelle des durch einen Krieg mit prorussischen Separatisten im Osten geschwächten Landes.
Die russischen Sanktionen im Zuge der EU-Annäherung der Ukraine hätten die Landwirtschaft zunächst hart getroffen, sagte der Minister. Etwa ein Drittel des Umsatzes sei verlorengegangen. Russland hatte als Strafe für die Unterzeichnung des EU-Assoziierungsabkommens etwa ein Boykott für ukrainische Milchprodukte verhängt. Die Regierung in Moskau sei weiter unberechenbar. "Wir hoffen deshalb natürlich bei den Agrarprodukten auf eine weitere Öffnung des EU-Marktes. Aber auch China ist einer der strategischen Märkte", sagte Pawlenko. Exporte seien zudem generell nach Asien und auch Afrika geplant.
Die Annäherung an die EU sieht Pawlenko dabei als entscheidend an. "Die Übernahme von EU-Standards ist nicht nur für unsere Exporte in die EU wichtig, sie öffnet uns auch die Weltmärkte", sagte er. Derzeit werde mit der EU-Kommission daran gearbeitet, etwa Veterinärvorschriften oder die Regeln für Lebensmittelsicherheit und die Gesetze für die Landnutzung zu reformieren. "Wir wollen etwa für ausländische Investoren aus aller Welt eine verlässliche Basis für eine Verpachtung von Land mit einer mindestens siebenjährigen Laufzeit schaffen", sagte er. Dazu müsse aber etwa das Katasterwesen reformiert werden, in dem die Besitzverhältnisse klar ausgewiesen werden.
Die EU könne den Aufschwung der ukrainischen Landwirtschaft maßgeblich mit beschleunigen, indem sie etwa die Quoten für den Import von Geflügel und andere Agrarprodukte rasch anhebe. "Zudem erhoffen wir uns, dass 2015 auch der Export von Milchprodukten, Schwein- und Rindfleisch in die EU möglich wird - selbst wenn wir dabei erst einmal mit Quoten beginnen", sagte der Minister. In der EU bremst die Agrarlobby in einigen Mitgliedsländern eine zu schnelle Öffnung.
Pawlenko verwies zugleich auf den großen Finanzbedarf der als besonders ineffizient geltenden ukrainischen Landwirtschaft. So müssten etwa allein in das veraltete Bewässerungssystem in der besonders fruchtbaren Südukraine bis zu drei Milliarden Dollar gesteckt werden. Darüber werde mit Investoren verhandelt. Zudem müssten die Verkehrswege ausgebaut werden, damit etwa die angestrebte Verdopplung der Getreide-Exporte bis 2020 auch bewältigt werden könne. Deshalb habe die Regierung auch alles daran gesetzt, den Vertrag mit chinesischen Käufern über die Lieferung von einer Million Tonnen Mais in 2014 zu erfüllen. "Das war der ersten Vertrag dieser Art. Nun hoffen wir auf weitere, auch in Verbindung mit Krediten für die Lieferung von Dünger oder den Ausbau der Häfen und Häfenkräne, um die Verladekapazitäten zu verbessern."
China ist weltweit auf der Suche nach Nahrungsmitteln. Vor dem politischen Umsturz in der Ukraine gab es im September 2013 Pläne, dass chinesischen Investoren fünf Prozent der Landfläche der Ukraine für eine für China bestimmte Agrarproduktion kaufen oder pachten. Chinesische Investoren hatte vor der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim zudem geplant gehabt, dort Häfen auszubauen. Beide Pläne wurden dann zunächst nicht weiter verfolgt. "Wir sehen aber riesiges Potenzial im chinesischen Markt", sagte Pawlenko. Die Regierung in Kiew suche zudem Investoren für den Aufbau einer verarbeitenden Industrie für die Agrarprodukte.
Pawlenko äußerte sich optimistisch zur Getreideernte 2015. Anders als im Frühjahr 2014 befürchtet, erwarte er auch dieses Jahr keine Problem etwa bei Düngerlieferungen. Der Rekordwert für 2014 sei um so bemerkenswerter, weil die Produktion auf der Krim und in den von Separatisten kontrollierten Gebiete in der Ostukraine fehlten.