Was bringt die Friedensmission der
Kanzlerin und des französischen
Präsidenten?
Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine
in Berlin: Diese Initiative ist sehr
wichtig und nützlich, und sie ist ein
wichtiges Signal der Unterstützung
und der Solidarität mit der Ukraine. Es
ist bedeutsam, dass sich die Bundeskanzlerin
persönlich in dieser sehr schwierigen
Zeit einsetzt, wo sich die Kämpfe im
Osten der Ukraine zugespitzt haben.
Wir erhoffen uns, dass man konkrete
Vorschläge erarbeitet und Positionen koordiniert,
dass man politisch mehrDruck
auf Moskau ausüben kann. Die Zusagen,
die der Kreml in Minsk gemacht hat,
müssen endlich umgesetzt werden.
Was erwarten Sie sich dabei von der
Münchner Sicherheitskonferenz?
Melnyk: Unser Präsident Petro Poroschenko
wird unter anderem an einer
Debatte mit anderen Staats- und Regierungschefs
teilnehmen. Darüber hinaus
wird eine Reihe von bilateralen Gesprächen
geführt, in erster Linie mit Bundeskanzlerin
Angela Merkel und dem Vizepräsidenten
der USA, Joe Biden, mit
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg
und EU-Vizepräsidentin Federica Mogherini.
Immer wird die Frage im Mittelpunkt
stehen: Wie erreicht man endlich
Frieden in der Ukraine?
Wie stellt sich Kiew die Lösung vor?
Melnyk: Zunächst muss ein Waffenstillstand
erreicht werden. Der Druck auf
die russische Staatsführung muss erhöht
werden, wir sind dankbar, dass die EU
mit weiter verschärften Sanktionen dazu
beiträgt. Aber letztendlich wird man an
den Punkt gelangen, an dem man auch
über Waffenlieferungen an die Ukraine
nachdenken muss. Wenn man die Ukraine
stärkt und ihr Verteidigungspotenzial
erhöht, erhöht sich der Preis für weitere
Eskalationen von Seiten Russlands
und der Separatisten, die von Russland
kontrolliert werden.
Die USA und die EU, zumindest als
Ganzes, stehen der Bitte nach Waffenlieferungen
ablehnend gegenüber…
Melnyk: Die Frage wird zentral.
Denn wir haben gesehen, dass die
Versprechen im Abkommen von
Minsk, die schwere Artillerie von
dieser Linie abzuziehen, gebrochen wurden.
Stattdessen gab es Großoffensiven
der Separatisten, bei denen jeden Tag
Soldaten und Zivilisten ums Leben kommen.
Auch während der letzten Vierergespräche
in Berlin gab es feste Zusagen
– nach drei Tagen kamen die schrecklichen
Angriffe auf die Stadt Mariupol.
Wird es mit noch mehr Waffen nicht
noch mehr Tote geben?
Melnyk: Waffenlieferungen würden
letztendlich zu einer friedlichen Lösung
beitragen. Defensivwaffen hätten
eine Wirkung auf die Separatisten vor
Ort: Wenn die wissen, dass man ihre
Mehrfachraketenwerfer Grad ausspähen
und sofort vernichten oder den Beschuss
dieser Infernomaschinen sofort
beantworten könnte, würden sie zweimal
nachdenken, ob sie Kampfhandlungen
starten.
Sehen Sie auf der Sicherheitskonferenz
Unterstützung in dieser Frage?
Melnyk: Wir sind dem Vorsitzendender
Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger,
dankbar, dass er diese Idee für angemessen
und für richtig hält – dass man
manchmal mit Waffen die Möglichkeiten
der Diplomatie verstärkt und erweitert.
Halten Sie es für möglich, dass Putin
die Separatisten und ihre Handlungen
gar nicht mehr im Griff hat, dass er sie
nicht zurückpfeifen kann?
Melnyk: Das ist die Darstellung der
russischen Propaganda. Aber ohne tatkräftige
Moskauer Unterstützung, mit
Waffenlieferungen, mit Kriegsmaterial,
auch mit Söldnern, wäre das alles nicht
möglich gewesen. Wir haben genügend
Aufklärungsdaten. Alles wird von Moskau
kontrolliert und dirigiert. Wir erwarten,
dass Anfang 2016 das EU-Assoziierungsabkommen
in Kraft tritt.
Die russische Staatsführung will natürlich
verhindern, dass die Ukraine bei
Reformen Erfolge erzielt. Putin möchte
nicht nur Donezk und Lugansk haben,
er möchte Einfluss auf das gesamte
Land, auf unsere Außenpolitik.
Ist die EU-Assoziierung nicht genau
das, was Putin und die Separatisten so
aufbringt?
Melnyk: Welche Gefahr bringt denn
ein Abkommen, das eine Freihandelszone
zwischen der EU und der Ukraine
vorsieht? Auch die Frage der Nato-
Mitgliedschaft – wir haben in den letzten
Monaten nie den Wunsch danach
geäußert. Als die Krim annektiert
wurde, als die Kampfhandlungen im
Osten begannen, haben wir einen sogenannten
blockfreien Status gesetzlich
geregelt. Die Ukraine ist ein unabhängiger
Staat, der selbst entscheiden sollte,
welche Richtung er einschlägt. Das
haben auch die Menschen auf dem
Maidan verlangt.
Wären die Separatisten denn noch in
die Ukraine integrierbar?
Melnyk: Davon sind wir überzeugt.
Es sind unsere Staatsbürger. Wenn alle
ausländischen Kräfte abgezogen sind
– wie es das Minsker Protokoll auch
vorsieht –, werden dort die Voraussetzungen
für vernünftige Wahlen geschaffen.
Die Entscheidung, die die
Menschen dann treffen, wird Kiew respektieren.
Die Menschen wollen Frieden,
Ruhe und Wohlstand. In den
Kampfgebieten gibt es nichts – Kiew
liefert jeden Tag kostenlos Gas, Wärme,
Wasser und Elektrizität. Für diese
Lieferungen geben wir jeden Tag fünf
Millionen Euro aus und kriegen nichts
zurück.
IntervIew: Barbara WImmer