Kiews Diplomat spricht die Sprache der Stärke
Für Andrij Melnyk ist klar, warum Wladimir Putin die Ukraine angreift: Russlands Präsident hat Angst. „Er hat den Krieg angezettelt, weil er befürchtet, dass sich die Erfolge der Reformbewegung in der Ukraine auf Russland auswirken könnten“, sagt der Botschafter der Ukraine in Deutschland. Die Maidan-Bewegung habe ein „Wunder“ geschafft: „Wir haben ein scheinbar unbesiegbares Regime gestürzt, wir wollen Reformen und Demokratie – und die Korruption bekämpfen.“ Ein Erfolg, der auch das russische System in Frage stellen könnte: „Das Regime von Putin ist ähnlich wie das des früheren ukrainischen Herrschers Wiktor Janukowitsch – und es wird sich herausstellen, dass auch das Regime von Putin nur ein Koloss auf tönernen Füßen ist.“ Melnyk kennt das politische System der Ukraine seit langem. Schon als 22-Jähriger ging er in den diplomatischen Dienst seines Landes, er arbeitete als Botschaftssekretär in Wien, war von 2007 bis 2012 Generalkonsul in Hamburg, im Dezember vergangenen Jahres wurde er mit nur 39 Jahren Botschafter. Er war auf dem Maidan dabei, hat miterlebt, was er nie für möglich gehalten hätte: Den Zusammenbruch des politischen Systems, die Wende zum Neuen. Wenn der junge Diplomat über sein Land spricht, ist die Begeisterung über den Erfolg, mehr noch aber die Angst um das Erreichte zu spüren. Russland hat die Krim erobert, den Donbass mit Krieg überzogen und führt einen PropagandaFeldzug gegen die angeblich faschistische Regierung in Kiew. Melnyk hat Verwandte in Russland, mit denen Gespräche über Politik inzwischen kaum noch möglich sind, weil sie den einseitigen Berichten im russischen Fernsehen glauben. „Für uns ist es ein Kampf wie David gegen Goliath“, sagt Melnyk. Die ukrainische Armee sei in einem schlechten Zustand, weil sie früher vernachlässigt wurde. Deshalb hätten die Separatisten anfangs leichtes Spiel gehabt – sie stießen kaum auf Widerstand, es gab keine Armee, nicht mal eine einsatzbereite Polizei. Die einzige Hoffnung ist Hilfe vom Westen. Die Ukraine plädiert für einen EU-Polizeieinsatz, um die Vereinbarungen des zweiten Friedensabkommens von Minsk zu kontrollieren. Und für mehr Druck auf Russland, die Sanktionen sollten verstärkt werden, etwa indem russischen Banken der Zugang zum internationalen Zahlungssystem Swift versperrt wird. Aber auch Waffenlieferungen der USA findet Melnyk sehr wichtig: „Ein Land, das angegriffen wurde, muss sich verteidigen können.“ Die Ukraine brauche intelligente Defensivwaffen und Kommunikationssysteme, die es nicht produzieren könne – obwohl das Land andere Rüstungsgüter sogar exportiert. „Wir können uns aus eigener Kraft nicht verteidigen“, betont der Botschafter, „deshalb ist der Hilfewunsch an die internationale Gemeinschaft berechtigt“. Einen Stellvertreterkrieg fürchtet Melnyk nicht. Wichtiger ist für ihn ein anderer Aspekt: „Putin versteht nur die Sprache der Stärke.“