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Hat die Ukraine nichts aus Tschernobyl gelernt?
Veröffentlicht am 27 April 2016 Jahr 10:45

Hat die Ukraine nichts aus Tschernobyl gelernt?

Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Berlin, spricht bei BILD über die Reaktor-Katastrophe vor 30 Jahren und die Folgen  

  • VON JULIAN RÖPCKE

Am 26. April 1986 explodierte Reaktor 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl in der heutigen Ukraine.

Am 30. Jahrestag der Katastrophe spricht der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk in BILD über seine ganz persönlichen Kindheitserinnerungen an die Tage nach der Havarie und die riesigen Herausforderungen, die die Kraftwerksruine auch heute noch stellt.

VergrößernDer ukrainische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland Andrij Melnyk am 26.4.2016
Foto: Ufuk Ucta

BILD: Herr Botschafter. Sie sind heute 40 Jahre alt, waren zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe gerade 10. Wie haben Sie persönlich den Tag der Unglücks und die darauffolgenden Wochen in der Ukraine erlebt und wann genau haben Sie von der Havarie erfahren?

Andrij Melnyk: „Ich habe ungefähr eine Woche nach der Katastrophe von dem Unglück in Tschernobyl erfahren und zwar auf dem Schulhof. Diesen Tag habe ich noch sehr fest in Erinnerung. Ein paar Jungs haben mir erzählt, dass etwas Schreckliches passiert sein soll und wir wollten das zuerst gar nicht glauben. Zu der Zeit waren es auch nur Gerüchte. Ich denke, dass meine Klassenkameraden die Wahrheit über westliche Radiosender gehört hatten. Fast jeder hat heimlich zuhause Radio Free Europe gehört. Gleichzeitig gab es in den offiziellen Medien eine totale Stille über das Ereignis.“

VergrößernSchulkinder in der Ukraine vor der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986
Foto: Reuters

Wie nah waren Sie damals vom Ort des Geschehens entfernt?

Melnyk: „Ich war ,in sicherer Entfernung' wie es damals hieß. Ich bin in Lemberg geboren und aufgewachsen, einer Stadt, etwa 600 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Aber meine Frau lebte mit ihrer Familie in Kiew und sie musste am 1. Mai als Schülerin zu einer Demonstration erscheinen. Das war ein sonniger Tag und sie verbrachte ihn komplett auf der Straße. Niemand hat die Radioaktivität dort gemessen, aber das war natürlich fürchterlich, ein unsichtbares Inferno, dem sie dort ausgesetzt war. Und erst am 9. Mai, also knapp zwei Wochen nach dem Supergau, hat Gorbatschow gesagt, ja, es ist eine Katastrophe passiert. Bis dahin lebten die Menschen im Dunkeln und hatten keine Ahnung, in welcher Gefahr sie sich draußen befanden.“

2011 wurden 550MILLIONEN Euro zugesagt für den neuen Sarkophag. Dieser wird demnächst fertiggestellt. Ist damit die Gefahr erst einmal gebannt?

Melnyk: „Ja, es ist richtig, dass der neue Sarkophag, also die neue Hülle, bald fertig gebaut sein wird. Ende 2017 wird er über den alten Sarkophag gefahren sein. Und da möchte ich auch den deutschen Beitrag hervorheben. Deutschland hat sich im vorigen Jahr als Vorsitzender der G7 dafür eingesetzt, dass die fehlenden Gelder für die Schutzhülle bereitgestellt wurden.

VergrößernDer alte Sarkophag (Mitte) und der wesentlich neuere (rechts) am stillgelegten Kraftwerk von Tschernobyl
Foto: Action Press

Aber: Die Hülle ist nur ein Teil der Antwort auf die Katastrophe. Durch sie wird keine neue Radioaktivität in die Luft und ins Wasser mehr gelangen. Danach muss der alte Reaktor abgebaut und das verstrahlte Material zwischengelagert werden. Für dieses Zwischenlager fehlen bislang die finanziellen Mittel. Da kommen Arbeiten auf uns zu, die Jahrzehnte dauern werden.“

Deutschland hat nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 beschlossen, aus der Atomenergie auszusteigen. Die Ukraine betreibt bis heute an vier Standorten Atomkraftwerke mit insgesamt 15 Reaktoren. Hat man nichts aus der Tragödie von Tschernobyl gelernt?

Melnyk: „Das ist eine legitime Frage. Viel Ukrainer fragen sich dasselbe. Meine Antwort ist: Wir sind im Moment auf diese Kraftwerke angewiesen. Das Land wurde mit Blick auf die Atomenergie durch Tschernobyl geimpft. Das war eine sehr schmerzhafte Impfung und wir wissen heute, wie wir mit den Gefahren der Atomenergie umzugehen haben. Natürlich bleibt die Gefahr eines Kernenergie-Unfalls trotzdem weiter bestehen. Aber wie gesagt: Die aktuelle Situation ist eine Notlösung.

Vergrößern30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Gedenken an die Liquidatoren in Slavutych
Foto: Action Press

Die 15 Reaktoren liefern heute etwa die Hälfte des benötigten Stroms in der Ukraine. Und momentan können wir uns einen Ausstieg einfach nicht leisten. Trotzdem beginnt die Gesellschaft gerade jetzt, nach dem Maidan, sich sachlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das Bewusstsein für die Gefahr wird immer größer. Wir haben knapp 2MILLIONEN Menschen, die weiterhin von den Folgen betroffen sind. Das sind Opfer mit dem sogenannten »Tschernobyl-Status«, die heute noch für die erlittenen Schäden kompensiert werden. Natürlich denken wir über Alternativen nach. Wir haben eine gute Windsituation, wir haben auch gute Möglichkeiten die Solarenergie zu nutzen. Auf der Krim wurde vor ihrer Annexion eine der größten Solar-Anlagen auf der Welt gebaut. Diese Energie steht uns heute nicht mehr zur Verfügung.“

VergrößernIn den verlassenen Orten rund um den Reaktor von Tschernobyl grasen heute Pferde, die Natur hat die verstrahlten Gegenden teils zurückerobert 
Foto: Action Press

Stichwort Russland. Die aktuelle politischer Situation in der Ukraine ist schwierig. Im Osten des Landes toben weiterhin schwere Kämpfe. Wie wirkt sich die allgemeine Sicherheitssituation auf die Reaktorsicherheit der Kernkraftwerke in der Ukraine aus?

Melnyk: „Es gibt auf jeden Fall eine Auswirkung. Wir befinden uns – das muss man ganz offen sagen – ein einem de facto Krieg. In einem Krieg, der nicht als solcher anerkannt wurde, aber wir sind in einem Krieg. Und natürlich spielt da die Frage der Sicherheit der Reaktoren, die betrieben werden, eine zunehmend wichtige Rolle. Man muss mit allem rechnen. Auch mit Anschlägen und Sabotage-Akten auf Atomkraftwerke.

VergrößernAndrij Melnyk im Gespräch mit BILD-Reporter Julian Röpcke
Foto: Ufuk Ucta

Wir versuchen alles mögliche, um den Schutz der Nuklearanlagen zu garantieren. Und wir hoffen, dass angesichts der möglichen Folgen eines Angriffs auf eines der Werke für die gesamte Region – nicht nur für uns – niemand diesen Schritt wagen mag. Tschernobyl hat gezeigt, was das für ein Alptraum werden kann. Und niemand will, dass sich dieser Alptraum wiederholt.“

BILD, Botschafter der Ukraine Dr.Andrij Melnyk

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