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F.A.Z. - Gastbeitrag von Botschafter Makeiev: Tausend Tage Kampf ums Überleben
Veröffentlicht am 19 November 2024 Jahr 19:35

Für die Ukrainer blieb ihr altes Leben am Tag von Russlands groß angelegtem Angriff auf ihr Land am 24. Februar 2022 stehen. Der Botschafter der Ukraine in Berlin erinnert sich daran, wie er die Zeit seither erlebt hat.

“Russlands Krieg gegen die ­Ukraine begann nicht 2022. Seit der Besetzung der Krim und des Donbass 2014 kämpfen wir für unsere Selbstbestimmung. Die Eskalation im Februar 2022 markierte jedoch eine neue Dimension des Schreckens – einen Vernichtungskrieg im Herzen Europas, der niemals hätte beginnen dürfen, den niemand in der Ukraine wollte und auf den auch im Westen niemand vorbereitet war.


Dieser Dienstag ist der tausendste Tag dieses Kriegs. Das ist mehr als eine Zahl. Es sind tausend Nächte voller Ungewissheit, ob der nächste Morgen kommen würde. Tausend Tage der Verteidigung der Freiheit unseres Landes, aber auch Europas. Viele dieser tausend Tage haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Es sind Tage voller Schmerz und Verlust, aber auch voller Hoffnung und Widerstandskraft. Ein paar dieser Tage möchte ich Revue passieren lassen.


Erster Tag der Großinvasion – 24. Februar 2022:

Jede Ukrainerin, jeder Ukrainer hat eine eigene Geschichte, wer oder was sie an diesem Tag geweckt hat. Für einige waren es Angehörige, die von Raketenangriffen berichteten, für andere deren ohrenbetäubende Explosionen. An diesem Tag sollte ich als Sonderbeauftragter für die Sanktionspolitik der Ukraine in Den Haag sprechen. Thema: Wie Sanktionen den russischen Krieg verhindern können. Doch noch vor Tagesanbruch riefen mich meine Frau und meine Tochter aus Kyjiw an: „Es hat begonnen. Wir hören die Explosionen. Sie sind ganz nah.“


244. Tag, 24. Oktober 2022:

Ich überreichte Bundespräsident Steinmeier meine Ernennungsurkunde als Botschafter der Ukraine in Deutschland. Dieser Moment war für mich mehr als ein offizieller Akt: Seit jenem Tag spüre ich die tiefe Solidarität vieler Deutscher und ihren festen Willen, die Ukraine in ihrem Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit siegen zu sehen und auf diesem Weg zu unterstützen.


262. Tag, 11. November 2022:

Nach acht Monaten russischer Besatzung wehte wieder die ukrainische Flagge über Cherson. Die Gesichter der Menschen, die wieder Freiheit spürten, werde ich nie vergessen. Es war ein Wendepunkt. Er zeigte, dass die Ukraine ihre Gebiete befreien kann, mit der Unterstützung ihrer Partner.


336. Tag, 25. Januar 2023:

Nach monatelanger Überzeugungsarbeit war es endlich so weit – Deutschland sagte die Lieferung der Leopard-2-Panzer an die Ukraine zu. Für uns bedeutete das mehr als nur militärische Verstärkung – es war ein Symbol der Hoffnung. Endlich waren die „Leoparden“ frei, bereit, bei der Befreiung unserer Gebiete zu helfen.


Patriot-System bringen Licht in die Dunkelheit


589. Tag, 5. Oktober 2023:

Das zweite Patriot-Flugabwehrsystem ist bereit. Das bedeutete mehr als technische Fortschritte – es war ein Versprechen von Tausenden geretteten Leben. Die Lieferung der mittlerweile drei Patriot-Systeme hat wortwörtlich Licht ins Dunkel gebracht und viele Ukrainer vor Dunkelheit und Kälte bewahrt. Deutschland hat nicht nur geliefert, sondern weltweit für weitere Systeme geworben und seine Führungsrolle in der Luftverteidigung untermauert. Auf meinem Schreibtisch steht ein Modell des Flugabwehrraketensystems Patriot – eine Visualisierung meiner Wünsche, die Wirklichkeit wurden.


746. Tag, 9. März 2024:

Eine russische Drohne traf den Hangar, in dem das Flugzeug meines Freundes Nika stand. Es war das Flugzeug, mit dem ich 2020 meinen Traum vom Fliegen verwirklicht hatte. Nun war es nur noch ein Wrack – ein Symbol für die zahllosen zerstörten Träume in diesem Krieg. Doch wir geben nicht auf. Zivile Flugzeuge werden in unseren Himmel zurückkehren und wieder von Berlin nach Kyjiw fliegen – und weiter nach Donezk, Simferopol und Mariupol.


986. Tag, 5. November 2024:

Der achte Besuch von Außenministerin Annalena Baerbock in der Ukraine. Beim Frühstück im Hotel erzählten mir viele, wie sie die Nacht in der Badewanne verbracht hatten – zum Schutz vor den Raketenangriffen. Die Reise war ein Symbol: Deutschland steht an unserer Seite, und wir kämpfen gemeinsam für eine freie und sichere Zukunft für alle in Europa.


Für uns in der Ukraine blieb das alte Leben am 24. Februar 2022 stehen. Viele haben ihre Heimat, ihre Liebsten, sogar ihr Leben verloren. Doch mit der Hilfe unserer Partner haben wir Widerstand geleistet. Ohne diese Unterstützung wären diese 1000 Tage nicht zu überstehen gewesen. In 1000 Tagen hat Deutschland nicht nur Waffen und Hilfe geliefert, sondern Führungsstärke bewiesen – etwa mit Leopard-2-Panzern und Luftverteidigungssystemen. Doch für einen gerechten und dauerhaften Frieden braucht es weitere Schritte: den NATO-Beitritt der Ukraine, die Genehmigung gezielter Angriffe in Russland, mehr finanzielle Mittel und eine klare strategische Perspektive für Europa. Die Lieferung des Taurus-Raketensystems wäre ein solcher Schritt – für die Sicherheit ganz Europas.


Am 23. Februar wird für uns der 1096. Kriegstag sein, während in Deutschland Wahlen anstehen. Demokratische Parteien müssen klar erklären, warum die Unterstützung der ­Ukraine im deutschen Interesse liegt. Unsere Freiheit und Sicherheit sind untrennbar verbunden. Wenn wir gewinnen, gewinnt Europa. Lasst uns alles daran setzen, dass dieser Krieg nicht weitere 1000 Tage dauert.


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