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"Zerstörerische Empfindlichkeiten"- Artikel in der "FAZ" zur Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission
Veröffentlicht am 30 September 2020 Jahr 18:53

Am 30.September 2020 wurde in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" eine Publikation von Reinhard Veser mit dem Titel "Zerstörerische Empfindlichkeiten: Wie die Deutsch-Ukrainische Historikerkommission die Unterstützung Kiews verloren hat" veröffentlicht, die der Erörterung der Entscheidung des Außenministeriums der Ukraine, die Schirmherrschaft über die "Deutsch-Ukrainische Historikerkommission" zu widerrufen, gewidmet wurde. 

In seinem Artikel ging der Autor auf die Bedeutung der Anerkennung des Holodomor in der Ukraine in den Jahren 1932-33 als Völkermord am ukrainischen Volk für die UkrainerInnen durch den Deutschen Bundestag sowie auf die Einrichtung einer vollwertigen ukrainisch-deutschen zwischenstaatlichen Kommission für historische Fragen ein.


 

Zerstörerische Empfindlichkeiten

Wie die Deutsch-Ukrainische Historikerkommission die Unterstützung Kiews verloren hat

30. September 2020

Von Reinhard Veser

Die Bekanntheit des Holodomor steht in einem krassen Missverhältnis zum Ausmaß dieses Verbrechens: Fast vier Millionen Menschen sind in der Ukraine in den Jahren 1932/33 einer von der sowjetischen Führung um Stalin absichtlich herbeigeführten Hungersnot zum Opfer gefallen. Außerhalb der Ukraine ist das Wissen darüber jedoch gering. Mit dem Begriff, der sich aus den ukrainischen Wörtern für „Hunger“ (Holod) und „Massensterben“ (Mor) zusammensetzt, kann in Deutschland selbst unter historisch interessierten Menschen kaum jemand etwas anfangen. In der Ukraine hingegen ist die Erinnerung an den Holodomor zu einem zentralen Element des historischen Bewusstseins geworden, seit es mit dem Ende der Sowjetunion vor dreißig Jahren überhaupt möglich geworden ist, öffentlich darüber zu reden.


Ähnlich wie die Armenier um die internationale Anerkennung des Völkermords im Osmanischen Reich 1915 ringen, versuchen auch die Ukrainer, Parlamente in aller Welt dazu zu bewegen, den Holodomor als Genozid anzuerkennen. Und so wie im armenischen Fall der Grund für diese Bestrebungen die bis heute andauernde Leugnung des Verbrechens durch die offizielle Türkei ist, geht es auch beim Holodomor nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um Politik. Es geht um die Befreiung aus den Narrativen der sowjetischen Geschichtsschreibung, und es geht um Russland, das seit der orange Revolution im Winter 2004/2005 mit scharfer propagandistischer Munition gegen die Bemühungen um ein würdiges Gedenken an den Holodomor schießt.


Diesen Hintergrund und die daraus resultierenden Empfindlichkeiten muss man kennen, wenn man verstehen will, wie ein länger schwelender Konflikt zwischen der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission und dem ukrainischen Botschafter in Deutschland so eskalieren konnte, dass das ukrainische Außenministerium der Kommission vergangene Woche die Schirmherrschaft entzogen hat. Anlass für die Auseinandersetzung war eine Petition an den Bundestag, dieser möge in einer Resolution den Holodomor als Genozid anerkennen. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk kritisierte die Kommission aus namhaften deutschen und ukrainischen Historikern Anfang dieses Jahres in scharfen Worten dafür, dass sie sich dieser Forderung nicht angeschlossen hat.


Das konnte sie freilich nicht tun, weil in ihren Reihen in dieser Frage keine Einigkeit besteht. Während die darin vertretenen ukrainischen Historiker den Holodomor einstimmig als Genozid betrachten, sieht ein Teil der deutschen Vertreter die Verwendung dieses juristischen Terminus skeptisch.


Der Dissens besteht nicht über das Ausmaß des Verbrechens und die direkte Verantwortung Stalins dafür, sondern darüber ob es dessen Ziel war, die Ukrainer als ethnische Gruppe „als solche“ zu vernichten, wie es in der UN-Konvention gegen Völkermord heißt. Es sprechen starke Argumente für diese These, doch es gibt auch gewichtige Gegenargumente. Denn die Hungersnot 1932/33 traf nicht nur Ukrainer, sondern Kasachen und Bauern in einigen Teilen Russlands. Allen Opfergruppen war gemeinsam, dass Stalin sie als antisowjetische Elemente betrachtete. Demnach hätte es sich um einen Massenmord nicht auf ethnischer, sondern auf politisch-sozialer Grundlage gehandelt.


Um inhaltliche Fragen ging es seit der öffentlichen Kritik des Botschafters an der Kommission freilich nicht mehr. Die Front in diesem Streit verlief auch nicht zwischen Deutschen und Ukrainern, sondern zwischen Historikern und staatlichem Anspruch. Er habe nicht den Eindruck, „dass die Tätigkeit der Kommission im bestehenden Format den nationalen Interessen der Ukraine entspricht“, schreibt der Botschafter in der Erklärung zur Beendigung der ukrainischen Schirmherrschaft für die Kommission. Die beiden Ko-Vorsitzenden der Kommission, Martin Schulze Wessel und Jaroslaw Hryzak dagegen verwahren sich unisono gegen Forderungen des Botschafters, die sie als Einmischung in die Autonomie der Forschung betrachten.


Tatsächlich sind unterschiedliche Auffassungen davon aufeinander geprallt, was eine solche binationale Historikerkommission sein soll und kann. Die Kommission ist 2014 als Initiative deutscher und ukrainischer Historiker entstanden, die nach dem Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine dazu beitragen wollten, in Deutschland mehr Wissen über die Ukraine zu vermitteln; die Schirmherrschaft der beiden Außenministerien folgte erst zwei Jahre später. Getragen wurde sie in starkem Maße vom Idealismus ihrer Mitglieder, finanziert ausschließlich aus deutschen Quellen. Botschafter Melnyk dagegen wünscht etwas wie die Deutsch-Russische Geschichtskommission, die Anfang der neunziger Jahre durch Bundeskanzler Helmut Kohl und den russischen Präsidenten Boris Jelzin gegründet worden ist. Ihm geht es – aus der Perspektive eines Botschafters verständlich – ganz offensichtlich auch darum, dass die Ukraine gleich behandelt werden soll. Doch in dem Konflikt über die Deutsch-Ukrainische Historikerkommission ist nun womöglich etwas kaputtgegangen, was für die Ukraine viel wertvoller war als eine staatliche Veranstaltung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung

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