Nie werde ich jenen Augusttag im friedlichen Kyjiw vergessen. Damals haben wir den ersten Gipfel der First Ladies and Gentlemen organisiert. Nie werde ich unser Treffen in der Kyjiwer Sophienkathedrale vergessen, einem historischen und bei Touristen beliebten Baudenkmal der ukrainischen Hauptstadt.
Ich war wegen meiner Initiative aufgeregt, denn es war der erste Versuch weltweit, die First Ladies and Gentlemen in einem Club Gleichgesinnter zu vereinen, um gemeinsam die Welt zum Besseren zu verändern.
Alles verlief gut und das Ergebnis des Gipfel war eine Deklaration, derzufolge wir eine neue Plattform zur internationalen Zusammenarbeit auf der Ebene von First Ladies and Gentlemen ins Leben gerufen haben.
Ein weiteres Ergebnis des Gipfels war eine gemeinsame Erklärung: Wir vereinbarten, uns um Frauen und Kinder in Kriegsgebieten zu kümmern. Als hätten wir eine Vorahnung gehabt...
Genau sechs Monate und einen Tag später ist in die Ukraine Krieg gekommen. Sie würden jenes sonnige fröhliche Kyjiw nicht mehr wiedererkennen, das Sie damals gesehen haben. Gebäude sind durch Raketensplitter beschädigt. Und die zerborstenen Fensterscheiben in dicht besiedelten Wohngebiete sind wie Tränen. Jeden Tag bergen Rettungsdienste weitere Opfer aus Gebäuden, die vom Feind beschossen wurden.
Sie würden auch die Ukraine nicht wiedererkennen. Dort wo blühende Wiesen waren, sind jetzt Massengräber. Und wir, die Überlebenden, sind um Dutzende Jahre gealtert, weil wir täglich Kinder zu Grabe tragen und deren Eltern beweinen.
Aber unsere gemeinsame Freundschaft, deren Grundstein bei jenem Gipfel im August gelegt wurde, hat sich als stärker als der Krieg erwiesen. Als der Aggressor unser Land angegriff, sind Sie uns alle zu Hilfe geeilt. Sie alle teilen unser Leid, als wäre es ihr eigenes. Sie sind meinem Aufruf gefolgt und berichten, was in der Ukraine in Wahrheit passiert, und widerlegen so Falschmeldungen des Kremls. Sie spenden Geld und organisieren humanitäre Hilfe, sorgen für Unterkunft für vertriebene UkrainerInnen und versorgen ukrainische Kinder mit medizinischer Hilfe.
Als wir während des Gipfels sagten, dass wir gemeinsam stark sind, dann war das sogar untertrieben. Wir (Sie!) sind eine enorme Kraft des Guten! Mit diesem Brief möchte ich mich bei Ihnen allen von Herzen bedanken! Ich träume davon, sie alle irgendwann persönlich umarmen zu können.
Uns trennen Kilometer von Schlachtfeldern und Fronten, aber Sie sind mir so nah wie nie zuvor, weil ich jeden Tag Ihre Fragen höre: "Was können wir noch für die Ukraine tun?" Ihnen ist bewusst, dass die Ukraine jetzt nicht nur sich selbst, sondern auch die ganze Welt verteidigt, indem sie den Angriff an der Schwelle Europas aufhält.
Ich spreche für die Ukraine:
– In Ihren Ländern halten sich schon über 3 Millionen ukrainische Vertriebene auf. Das sind Frauen und Kinder, deren Ehemänner und Väter in der Ukraine geblieben sind, um zu kämpfen. Sie haben ihre Häuser verloren, Luftschutzbunker und den Tod gesehen. Nachts können sie vor Angst um ihre Liebsten und um ihre Zukunft kaum schlafen. Bitte geben Sie ihnen Wärme. Es geht nicht nur um ein Dach über dem Kopf und Essen, helfen Sie ihnen sich einzuleben, helfen Sie ihnen eine Arbeit zu finden und ermöglichen Sie den Kindern Zugang zu Bildung. Ermöglichen Sie ihnen einen Zugang zu medizinischer Versorgung und eventuell zur Teilnahme an Sprachkursen in der Amtssprache Ihres Landes. Lassen Sie sie vorübergehend zu Ihren BürgerInnen werden - vorübergehend, weil sie auf jeden Fall wieder zurückkommen werden. Mit Ihrer Wärme in ihren Herzen.
Ich spreche für die Ukraine:
– Тausende unserer BürgerInnen sind zuhause in ihren Häusern gefangen. Es besteht kein Kontakt zu ihnen, sie haben weder Lebensmittel noch Medikamente, und der russische Feind erlaubt ihnen nicht, der Einkesselung zu entkommen und schießt sogar denjenigen in den Rücken, die es wagen, zu flüchten. Sicher haben Sie die erschütternden Bilder einer solchen Evakuierung aus Irpin gesehen - sie sind durch alle Medien der Welt gegangen. Die Menschen sind kilometerweit zu Fuß gelaufen, mit Kindern, älteren Angehörigen, mit Haustieren im Arm, und alle paar Meter fielen sie zu Boden, um sich vor Artilleriebeschuss zu retten. Sicher haben Sie das Foto einer Familie gesehen, die es nur wenige Meter bis zu den rettenden Bussen nicht mehr geschafft hatte. Eine Mutter, zwei Kinder und Hunde... Der traurige Vater fand keine Überlebenden.
Ich spreche für die Ukraine:
– Wir brauchen wahre sichere humanitäre Korridore! Korridore, die nicht mit Artillerie beschossen werden. Wo ältere Menschen nicht an Herzversagen sterben. Wo nicht ganze Familien ums Leben kommen. Wir müssen unsere BürgerInnen sicher aus dieser Gefangenschaft befreien! Und das bedarf unserer gemeinsamen Bemühungen, liebe KollegInnen. Wir brauchen einen gemeinsamen Appell an das Rote Kreuz, an UNICEF und an die OSZE mit der klaren Forderung, in der Ukraine solche Korridore zu gewährleisten. Mögen diese ehrwürdigen Organisationen endlich ihre eigentliche Aufgabe wahrnehmen: Menschenleben retten!
Ich spreche für die Ukraine:
– Seit Beginn des Krieges wurden bei uns 4300 Kinder geboren. Sie kamen in Kellern, in der U-Bahn, in Luftschutzbunkern und manchmal in Entbindungsheimen zur Welt, die unter Beschuss standen, wie vor kurzem in Mariupol. Diese Kinder haben noch keinen friedlichen Himmel gesehen. Das muss man sich mal vorstellen, noch nie im Leben. In den kommenden Monaten werden weitere 80.000 Ukrainerinnen Mütter. Diese Mütter und Väter haben das Recht darauf, nicht vor Explosionen zittern zu müssen, vor Hunger und Angst weinen zu müssen. Sie haben das Recht auf Frieden. Und das hängt jetzt von uns ab.
Gerade dafür wurde unser Gipfel ins Leben gerufen, nicht wahr? Und wenn wir das schaffen, werden wir uns wieder im friedlichen sonnigen Kyjiw treffen. Abgemacht? Unbedingt. Kyjiw wartet darauf!