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Ansprache des Präsidenten der Ukraine Volodymyr Selenskyj zur Sicherheitssituation im Land
Veröffentlicht am 22 April 2021 Jahr 16:20

20. April 2021

Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger der Ukraine!

Im Leben gibt es Momente, wenn man offen, ruhig, ohne Eile und ohne den Blick auf das Mobiltelefon miteinander reden muss. Und nicht nur hören, sondern zuhören. Nicht mit einem Ohr, sondern mit dem ganzen Herzen. Wenn wir uns alle auf eine Welle zu Hauptfragen einstellen müssen, die heute vor der Ukraine stehen.

Wir alle, unabhängig von Geschlecht, Alter und Status. Ob wir im Dorf oder in der Stadt, am Ufer des Schwarzen Meeres, des Dnipros, der Theiß oder des Nördlichen Donez leben. Ob wir Ukrainisch oder Russisch, Krimtatarisch, Ungarisch oder Gebärdensprache sprechen. Ganz gleich, wen wir gewählt haben. Ganz gleich, ob wir die Fastenzeit einhalten oder den Ramadan, ob wir ein Kreuz, den Davidstern oder den Hidschab tragen oder ob wir an gar keinen Gott glauben.

Wir alle müssen gleichermaßen verstehen, was geschieht und was wir dafür tun sollen. Was geschieht heute? Und was kommt morgen?

Beginnen wir mit dem Ersten. Was geschieht heute? An unseren Grenzen ist eine erhebliche Zahl russischer Truppen konzentriert. Russland spricht offiziell von Übungen. Aber die ganze Welt nennt so etwas inoffiziell Erpressung. Macht uns das Sorgen? Ja. Fordern die Ukraine und ihre internationalen Partner, die Truppen von unseren Grenzen abzuziehen? Ja. Doch die Russische Föderation wiederholt ständig, sie wünsche den Frieden, und schafft doch gleichzeitig alle Voraussetzungen für eine Eskalation.

Ist das logisch? Nein. Aber kommt das unerwartet? Nein. Bedeutet das, dass die Eskalation unausweichlich ist? Nein.

Will die Ukraine Krieg? Nein. Ist sie auf ihn vorbereitet? Ja. Wird die Ukraine aufhören, auf diplomatischem Wege für den Frieden zu kämpfen? Niemals. Wird die Ukraine sich im Falle eines Falles verteidigen? Immer. Unser Prinzip ist einfach: Die Ukraine wird niemals einen Krieg als erste beginnen, aber sie wird immer bis zum letzten kämpfen.

Was müssen Sie tun? Erstens. Erkennen, dass die Bedrohung nicht nur ausländische Truppen darstellen, sondern auch unsere Gefühle. Wie wir auf Informationen reagieren und woher wir sie beziehen.

Es lohnt sich dreimal zu überlegen, ob es notwendig ist, heute Experten aus dem Internet, „zuverlässigen“ Medienquellen und Insidern anonymer Telegrammkanäle zu vertrauen? Gerüchten im Kleinbus, auf dem Markt und im Innenhof? Gerüchten von Bekannten, deren Bekannte Bekannte im Verteidigungsministerium haben und heimlich geheime Informationen weitergeben? Und vor allem - sollten wir den Aussagen von Politikern vertrauen, für die es nicht auf Ihre Interessen ankommt, sondern auf Ihre Stimmen?

Politiker, die auf Facebook und Twitter heldenhafte Kommandeure sind. Die schreien, dass wir sofort einen Krieg beginnen müssen, aber schweigen, denn meinen unsere, nicht ihre Kinder dabei. Und am schlimmsten geht es um Politiker, für die der Sieg die Niederlage des Landes wird und die Gelegenheit sein wird zu sagen: Wir haben doch gesagt und gewarnt.

Müssen wir heute wachsam sein? Ja. Müssen wir Angst haben? Nein. Denn die Ukraine des Jahres 2021 ist eine andere als jene des Jahres 2014. Wir haben keine Angst, weil die Ukraine-21 sich keine Illusionen macht. Sie weiß, wer ihre wahren Freunde und Brüder sind. Wer bereit ist, uns eine helfende Hand zu reichen, und wer uns in den Rücken schlagen kann. Daher versteht die Ukraine-21 alle möglichen Szenarien und weiß, was sie tun wird, um auf jede denkbare Entwicklung zu antworten. Wir haben keine Angst, weil wir eine sagenhafte Armee und sagenhafte Verteidiger haben. In der vorigen Woche habe ich mit ihnen zwei Tage an der Frontlinie verbracht. Was sagen sie über die Lage? Sie sind gewohnt, nicht zu reden, sondern ihre Pflicht zu tun.

Sie verfügen über hochwertige Ausrüstung und Waffen, wertvolle Erfahrung, Mut, hohen Kampfgeist, Bereitschaft, jeden abzuwehren und so einfach wie möglich zu erklären, dass der Durchgang, die Durchfahrt oder Flug durch unser Land für unerwünschte Gäste verboten und unmöglich ist.

Fehlt es ihnen an etwas? Ja. Angst und Unglaube an ihre eigene Stärke.

Wir haben keine Angst, weil wir eine sagenhafte Gesellschaft haben, die zu einer massenhaften Mobilisierung von Freiwilligen bereit ist. Die alles gibt, alle Mittel findet und heranschafft. Am Tag, in der Nacht, bei Hitze und Frost. Wir haben keine Angst, weil wir eine wunderbare Nation wunderbarer Menschen sind. Militärs, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Konstrukteure, IT-Fachleute, Bauwirtschaftler, Farmer, Künstler, Musiker, Dichter. Und wir sind eine Nation der Schöpfer, nicht der Zerstörer. Wir zerstören nicht andere Länder und Völker. Aber das heißt nicht, dass wir zulassen, dass andere uns zerstören. Und wir alle sind bereit, unsere Notebooks und Zeigestöcke, unsere Mikroskope und Pinsel, unsere Spachtel, Forken und Schaufeln beiseite zu legen und unser Land zu verteidigen. Denn ein anderes haben wir nicht. Denn zu fliehen planen wir nicht. Denn zu kapitulieren sind wir nicht gewohnt.

Wir haben keine Angst, weil wir die mächtige Unterstützung unserer internationalen Partner haben. Ich habe mit den Anführern der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens, der Türkei sowie mit dem Präsidenten des Europarats und dem Generalsekretär der Nato gesprochen. Sie sind – wie auch alle anderen Partner – auf unserer Seite. Sie kennen die wahren Motive Russlands genau. Sie sind bereit, uns finanziell zu unterstützen. Sie sind bereit, noch weit härtere Sanktionen zu verhängen und scharfe Resolutionen zu verabschieden. Das ist alles richtig, nötig, und vor allem ist die Ukraine dafür sehr dankbar. Gleichzeitig aber muss unsere Gesellschaft verstehen, wofür noch die Welt bereit ist.

Wie und womit werdet Ihr (Europäer) uns helfen, wenn wieder jemand Grenzen im Herzen Europas missachtet? Versteht ihr, dass die Ukraine und mit ihr die ganze Welt, die an die Kraft des Völkerrechts glaubt, viel, viel mehr braucht als diplomatische Besorgnis? Wir alle können Entschlossenheit brauchen. Ist die Welt bereit, schwierige Fragen zu lösen? Wird sie aufhören, sich im Falle einer umfassenden Aggression seitens Russlands vor unangenehmen Fragen zu verstecken, vor allem was den UN-Sicherheitsrat, die Parlamentarische Versammlung des Europarats und Nord Stream 2 betrifft?

Unsere Bürger brauchen deutliche Signale, dass im achten Kriegsjahr ein Land, das auf Kosten seines Lebens ein Schutzschild für Europa ist, nicht nur als Partner von der Tribüne unterstützt wird, sondern als Spieler einer Mannschaft direkt auf dem Spielfeld, Schulter an Schulter.

Gesondert möchte ich mich an unseren nördlichen Nachbarn wenden. Der Präsident Russlands hat einmal gesagt: Wenn eine Prügelei unausweichlich ist, sollte man der erste sein. Aber heute muss jeder Staatsführer begreifen, dass die Prügelei nicht unausweichlich sein darf, wenn es nicht um Hooligans im Hinterhof, sondern um einen realen Krieg und Millionen Menschenleben geht. Und dass, anders als bei der Prügelei, im Krieg alle Seiten verlieren. Dass man nicht jemand „beschützen“ kann, indem man ihn überfällt. Dass man niemand befreien kann, indem man ihn besetzt. Und dass man Frieden nicht auf Panzern bringen kann. Auch nicht unseren noch lebenden Alten, die dieses Land von den Nazis befreit haben und die nicht verstehen, warum ihr friedliches Leben der letzten 75 Jahre jetzt wieder in Kriegsgefahr schwebt.

Die Ukraine und Russland hatten eine gemeinsame Vergangenheit, doch sie blicken auf unterschiedliche Art in die Zukunft. Wir sind wir. Ihr seid ihr. Das muss kein Problem sein, das ist eine Chance. Zumindest die Chance – solange es nicht zu spät ist – die mörderische Mathematik künftiger Kriegsverluste zu stoppen. Gestern und heute wurde auf den Treffen der Außenpolitischen Berater im Normandie-Format und in der Trilateralen Kontaktgruppe die Wiederherstellung des vollständigen Waffenstillstands erörtert, doch trotz der Unterstützung aller Parteien weigerte sich Russland, die allgemeine Erklärung zu unterstützen.

Es wurde der Vorschlag geäußert, sich an der Demarkationslinie (in der Ostukraine) zu treffen, um die Lage möglichst genau zu sehen und zu begreifen. Was muss ich noch begreifen? Ich bin jeden Monat dort. Herr Putin! Ich bin bereit, noch weiter zu gehen und Ihnen vorzuschlagen, sich an einem beliebigen Ort im ukrainischen Donbas, wo Krieg geführt wird, zu treffen.

Ruhm der Ukraine!


Quelle: Präsidialamtes der Ukraine

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