Liebe Freunde,
erschrecken Sie jetzt bitte nicht. Sie werden jetzt hören, womit wir schon seit 25 Tagen leben, einen Ton, der in all unseren Städten alltäglich geworden ist.
Das waren 20 Sekunden. Aber wir hören dies stundenlang, tagelang und wochenlang. Unsere Bürger hören dies ständig und nehmen sofort ihre Kinder, helfen älteren Menschen und begeben sich in Luftschutzräume und Keller, um sich zu retten, um russischen Raketen und Luftbomben zu entkommen. Mit diesem Sirenenton müssen die Ukrainer leben, arbeiten und versuchen zu schlafen.
Sie behandeln Wunden, bringen Kinder zur Welt und sterben auch. Tausende unserer Landsleute sind in diesem brutalen Krieg umgekommen - in einem Krieg Russlands gegen unseren Staat, gegen die Ukraine. Ich bitte Sie, mit einer Schweigeminute all denen zu gedenken, die für die Ukraine, für unsere Freiheit gestorben sind.
Danke.
Bis zu diesem Krieg wurde unsere Hauptstadt Kyjiw als “neues Berlin” bezeichnet. Verglichen wurde unsere und Eure Offenheit, die Emotionen, die Freiheit auf den Plätzen, die Herzlichkeit der Menschen, die Clubs und die Partys. Und jetzt liegt Kyjiw verschlossen und still da, in Erwartung eines neuen Luftalarms, der Sirenen, die die Menschen in die Luftschutzbunker zwingen. Wir können uns jetzt nicht mehr so versammeln, wie Sie dies heute tun. Wir können nicht so leben, wie Sie leben.
Wir wollen uns retten und kämpfen gegen eine der größten Armeen der Welt! Gegen Raketen, Bomben, Artillerie, gegen Flugzeuge und Helikopter, auf die die Russen schon jetzt schreiben: “Nach Berlin”. Denn sie wollen weiter, viel weiter als die Ukraine. Sie wollen überall hin, sie wollen auch zu Ihnen kommen.
Wir kämpfen gegen Okkupanten, die Flüchtlinge auf Straßen erschießen, die einfache friedliche Menschen töten, die ganzen Städten eine künstliche Hungersnot bereiten, die ganze Wohnviertel niederbrennen. In drei Wochen des Krieges sind 115 Kinder umgekommen! Das ist der grausamste Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und ich bin mir sicher, dass Sie all dies auch sehen.
Aber was hat Sie dazu gebracht, zu dieser Veranstaltung zu kommen? Auf die Straße zu gehen, deren Name an den Aufstand vom 17. Juni 1953 erinnert, einen Aufstand gegen eine Diktatur. Es hat Sie das Gleiche dazu gebracht, was auch uns dazu bringt, uns zu verteidigen. Es ist der Wunsch zu leben, in Frieden zu leben, gleichberechtigt und frei!
Und was bringt Russland dazu, gegen uns zu kämpfen? Der Wunsch, all dies zu zerstören, alle unsere Werte, alle Ihre Werte, denn wir sind auch Ihr! Wir sind Ukrainer, wir sind Teil Europas und Sie sehen unser Bestreben, mit Europa zu sein, unser Bestreben, welches wir auf dem Kriegsfeld erkämpfen, und das Sie in Ihrer Gesellschaft einfach erkämpfen können, mit eigenen Meinungen, eigenen Worten, mit Druck auf Politiker, damit die Ukraine endlich Teil der Europäischen Union wird!
Deutsche, Ihr habt Kraft, Europa hat Kraft, die stärker ist als jegliche Raketen, stärker als jegliche Panzer. Ohne Handel mit Ihnen, ohne Ihre Unternehmen und Banken wird Russland kein Geld mehr für diesen Krieg haben. Möge so schnell wie möglich Frieden kommen, und Ihr könnt das schaffen, Ihr müsst euch schützen!
Niemand hat das Recht, Völker zu vernichten und Europa zu zerstückeln. Wir haben Eure Politiker davor gewarnt, dass es gefährlich ist, wenn in Moskau darüber entschieden wird, ob Ihr Gas bekommt und wie viel es kostet. Wir sagten, es seien Sanktionen nötig, damit es nicht zu diesem Krieg kommt. Doch als russische Raketen 20 Kilometer von der Grenze zur NATO einschlugen, als russische Panzer direkt unsere Atomkraftwerke beschossen, dann wurde allen endlich klar, dass man der Ukraine zuhören sollte und uns unterstützen sollte, weil davon auch Ihr Leben abhängt!
Sponsern Sie bitte nicht die Kriegsmaschinerie dieses Landes, von Russland. Mit keinem einzigen Euro für die Besatzer. Sperren Sie all Ihre Häfen, liefern Sie keine Güter, verzichten Sie auf russische Energieressourcen, üben Sie Druck aus, damit Russland sich aus der Ukraine zurückzieht!
Ich glaube und ich weiß, dass Frieden möglich ist, aber Sie müssen handeln, damit Frieden erreicht wird. Jeder in Deutschland, jeder in Europa muss handeln, damit man Kyjiw wieder als “neues Berlin” bezeichnen kann, damit es auf unseren Straßen und unseren Plätzen wieder genauso sicher ist, wie bei Ihnen, damit wir fröhliches Lachen hören und Lächeln sehen, damit Kinder nicht in Bunkern spielen müssen und damit wir alle die Sirenen des Luftalarms vergessen. So wie Ihr Euch an sie nicht mehr erinnern könnt. Russische Raketen und russische Bomben dürfen keine Chance haben. Der Krieg darf keine Chance haben!
Handelt und handelt, damit Friede einkehrt!
Slava Ukraini! (Ehre sei der Ukraine!)
Präsident der Ukraine Volodymyr Selenskyj